Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1883)
- Date
- 1883-06-01
- Page
- Seite 138 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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138 ehe und nur ein widriges Erinnerungszeichen, wie eine Ruine alter Tage, ist im Scheidebriefe verblieben. Das deutsche Recht ist ein und dasselbe für Jud' und Christ. Die geschichtlichen Rückerinnerungen — wenn man hierbei an das Mittelalter denkt, dessen Grenze ich bis an das Jahr 1789 ziehe sind allerdings andre für die jüdischen Deutschen als für diejenigen Deutschen, welche ihren Stammbaum bis auf Judenverfolger aus den Zeiten der Kreuzzüge zurückführen können. Mit diesen geschichtlichen Rückerinnerungen hat es seine eigentümliche Bewandnis. Es ist zwar heutzutage beliebt, von solchen Urzeiten zu zehren und zu schwärmen. Die Literatur, die Kunst, das Kunstgewerbe schöpft mit Vorliebe aus altgermanischen Stoffen, Heldensagen, Götterlehren, ja man hat sich bis zu einem altgermanischen Testament, einer urdeutschen Bibel verstiegen und man kann auch in den Wohnungen jüdischer Deutschen heutzutage altdeutsche Ritterstuben finden, die seltsam contrastirende Erinnerungen grade jetzt Hervorrufen. Wie wenige giebt es aber unter den christlichen Deutschen unsrer Tage, die auf viele Jahrhunderte zurück ihren Stammbaum verfolgen, die mit urkundlicher Sicherheit den Nachweis führen können, daß ihre Ahnen teilgenommen an den Kreuzzügen, oder gar, daß sie zu der Zeit, die Tacitus in seiner Germania schildert, in Deutschland gelebt? Umgekehrt — die Juden wissen, daß ihre Vorfahren — die teilweise schon zu Casars Zeiten nach Deutschland gekommen — hier in den Zeiten der Kreuzzüge verfolgt und verjagt wurden. Diese geschichtlichen Rückerinnerungen bilden keinen wesentlichen Bestandteil fiir den Begriff eines Volkes. Die Geschichte erzählt von vielen Völkern, die aus verschiedenartigen Urstämmen zu einem Volke zusammenwuchsen. Eroberer und Eroberte bildeten ein Volk, die Sondergeschichte des einen Stammes kreuzte die des andern, aus den vielerlei Wurzeln entstand ein Stamm. Und so ist's auch in Deutschland. Selbst abgesehen von den heutigen Juden haben hier die mannichfaltigsten Volksstämme sich zu einem einheitlichen Volksganzen zusammengefunden. Wie zahlreich sind in Deutschland die Abkömmlinge von Slaven, von Galliern, ja von solchen Juden, die im Laufe der verschiedenen Jahrhunderte zum Christentum übergingen. Und diese allesammt sollen germanischer sein als die heutigen deutschen Juden? Nicht die — mehr oder minder dunkle, subjeetive, romantische, traumhafte Rückerinnerung altvergangene Tage ist das entscheidende Merkmal des Bolkscharakters, sondern die Bewährung in der Gegenwart, die Hoffnung auf die Zukunft. Die Juden erblicken das Mittelalter natürlich nicht in der Beleuchtung, die sich dem Auge des christlichen Romantikers darstellt. Dieser ergötzt sich an den leuchtenden Heldengestalten, jene wenden sich schaudernd ab von den leuchtenden Scheiterhaufen. Dieses Mittelalter, das den romantischen Schwürniern, den Verehrern der sogenanten „guten alten Zeit" als ein Ideal vor Augen schwebt, das konservative Politiker, das gläubige Seelenhäscher in dieser oder jener Form wiederherzustellen suchen, erscheint freilich allen Denen abschreckend, die entweder selbst mit freiem offnen Blick die Ereignisse überschauen, oder die Geister und Leiden ihrer mishandelten Vorfahren vor Augen haben. Und darin werden gegensätzliche Auffassungen bleiben. Daraus folgt aber nicht, daß die deutschen Juden, weil ihnen das deutsche Mittelalter fremd und abstoßend erscheinen muß — und mit ihnen einer großen Anzahl gebildeter Nichtjuden — auch für die Gegenwart und Zukunft gesonderte Anschauungen