Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1883)
- Date
- 1883-06-01
- Page
- Seite 137 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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137 Ein Volk ist die Gesammtheit Derer, welche gleiche Sprache, gleiche Sitte, gleiches Recht, gleiche Geschichte, d. i. gleiche Erinnerungen aus der Vergangenheit, gleiche Schicksale in der Gegenwart, gleiche Hoffnungen für die Zukunft verbinden. Die Juden sprechen in Deutschland deutsch — schon ihre Vorfahren im Mittelalter sprachen nicht hebräisch, sondern ein dialektartig gemischtes Judendeutsch unter Anwendung jiidischer, ja lateinischer Stämme mit deutschen Endungen und Hülfszeitwörtern, z. B. acheln für essen, naßnen für geben, oren (orare) für beten, benschen (benedicere) für Tischgebet halten, massik sein : unterbrechen, mauchel sein: verzeihen, mekajem sein: erfüllen. Von diesem jüdischen Jargon haben sich Spuren nicht blos in Polen und Rußland, nicht blos in der Gaunersprache, wie leider zu constatiren, aber doch nicht Schuld der Juden, sondern einiger Inden ist — wol auch in ungebildeten Kreisen deutscher Juden erhalten. Aber diese mehr und mehr verschwindenden Überbleibsel vergangener Jahrhunderte können der Thatsache keinen Abbruch thun, daß heutzutage die Juden in Deutschland deutsch reden, Deutsch mit allen den Vorzügen und Mängeln des Dialekts ihrer Umgebung. Daß sie hebräisch beten — und darauf komme ich später noch zurück — widerspricht Dem ebensowenig, als die lateinische Gebetssprache die Katholiken, die französische die Reformirten in Deutschland zu national gesonderten Stämmen abscheidet. Diese fremden Gebetsprachen sind angelernt, die deutsche Muttersprache ist angeboren. In sinniger Weise unterscheiden wir Muttersprache und Vaterglauben. So viel näher das Kind der Mutter steht als dem Vater, so viel tiefer ist dem Menschen die Muttersprache, der Mutterlaut eingewurzelt als der Vaterglaube. Jene ist Sache des Gemüts, dieser mehr Verstandeswerk. Es ist bezeichnend, was Fritz Reuter (Ut mine Stromtid I. S. 237 der Volksausgabe Band 6.) von den Mecklenburger Juden bezeugt: „Die Juden nach der alten Welt machten's grade so, wie die Christen, wenn es ihnen ans Herz griff, redeten sie plattdeutsch." Und die Sittcngleichheit? Sehen wir einmal ab von den religiösen Sonderfragen: ist deutsche Sitte nicht dieselbe bei Juden wie bei Christen? Sie ward es schon in den düstersten Tagen des Mittelalters, da rabbinisches Verbot die orientalische, biblisch wie talmudisch erlaubte Vielweiberei zu Gunsten germanischer Sitte aufhob und so für die Ehe, den wesentlichsten Träger und Förderer der Sitte, Gleichmäßigkeit einführte. Soweit nicht im Mittelalter die beliebten Kleiderordnungen den Juden beschimpfende und zurücksetzende Judenzeichen, Judenhüte und sonstige Trachtabsonderungen aufnötigten, haben sie auch in ihrem Äußeren der Landessitte von Alters her gehuldigt. Und wo ihre Kleidung eine Absonderlichkeit zeigte — heutzutage kaum noch in Deutschland, wol aber in Polen und Rußland, vor 50 Jahren auch bei uns, — da war sie nicht orientalisch, sondern ein alter conservativer Rest des Landesbrauchs. Die Juden ähnelten hierin den Bauern. Wie an diesen die Moden lange Zeit spurlos vorübergingen und sie sich die alte Landestracht wahrten, so auch die Juden. Noch vor 50 Jahren trugen Juden in Deutschland an Feiertagen den dreieckigen Hut, der ein Jahrhundert zuvor zur deutschen Bürgertracht gehörte. Und der polnische Judenkaftan mit der Pelzmütze ist keine specifisch jüdische, sondern eine conservirte altpolnische Tracht. Ein eignes Recht haben die deutschen Juden seit den Tagen nicht mehr, da die rabinische Gerichtsbarkeit aufhörte, das ist seit dem Beginn des Jahrhunderts. Der letzte Rest derselben — in Ehesachen — schwand mit der Civil- 13