Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-06-01 · Heft 6 (1.6.1883) · p. Seite 127

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 6 (1.6.1883)
Date
1883-06-01
Page
Seite 127 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2969669-2969698-2969705--0756-2971189
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

127 daß irgend welche andere günstige Umstände eintreten, und man kann mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß Christen aller Stände, die ihre bestimmten Ansichten mit Bezug auf die biblischen Prophezeihungen und deren Erfüllung in ihrem Sinne haben, immense Summen beisteuern werden. Das religiöse Gefühl, das solchermaßen wachgerufen wird, wird viel größere pecuniäre Erfolge haben, als ein Aufruf zu Gunsten einer Auswanderung nach Amerika sie zu erzielen vermöchte. Die Juden des Westens werden sich übrigens der Überzeugung nicht verschließen können, daß die Bewegung ihrer Kontrole gänzlich entschwinden wird, falls sie nicht die Absicht haben, aufrichtiger für dieselbe zu wirken, wie bisher. Als iäh vor fast vier Jahren zum ersten Male die Idee einer jüdischen Colonisation in Palästina anregte, wurden mir von Juden sowol als von Christen unaufhörlich die zwei Behauptungen entgegeugestellt, daß es erstens gar nicht im Wunsche der Juden selbst gelegen sei, dahin zu gehen, und zweitens, daß sie für Colonisten untauglich seien, da sie den Ackerbau nicht verstünden. Die erste Einwendung wurde bald von den Ereignissen widerlegt. Ich habe wiederholt Gelegenheit gehabt, mit den Führern der Bewegung persönlich in Berührung zu treten, Zusammenkünften beizuwohnen, mit vertretenden Delegirten zu sprechen, und es sind mir unzählige Correspondenzen und Adressen zugekommen, die mehr als 1000 Unterschriften tragen und keinen Zweifel über die Aufrichtigkeit und Verbreitung des Wunsches einer Colonisation in Syrien und Palästina aufkommen lassen. Die Richtigkeit der zweiten Einwendung, die Untauglichkeit zu Colonisten, kann natürlich nur durch die Erfahrung bewiesen werden. Die schriftlichen sowol als mündlich ausgedrückten Beschlüsse jedoch, lauten alle einem agriculturen Leben günstig. Daß es in der jüdischen Bevölkerung Rußlands verhältnismäßig wenige geübte Ackerbauer gibt, muß jeder zugeben. Es sind deren jedoch nicht so wenige, wie diejenigen annehmen, welche die Juden Rußlands nach denen anderer Länder beurteilen, und es muß als eines der bemerkenswertesten Merkmale der Bewegung angesehen werden, daß sie das sichtbare Verlangen bekunden, das Land, das sich ihnen darbietet, zu bebauen. Gerade die russischen Juden weisen die Zumutung mit Entrüstung zurück, als ob sie nicht im Stande wären in die Mysterien des Ackerbaues einzudringen. Sie weisen darauf hin, daß die Versuche, die in Rußland mit ihnen angestellt wurden, erfolgreich waren, und sie führen Fälle an, wo sie sich als Taglöhner bei Eisenbahn- oder anderen Jndustrieunternehmungen ebenso bewährt haben, wie irgend ein anderes Volk. Wenn sie selten solche Beschäftigungen suchen, so erklärt sich dies daraus, daß ihnen der Besitz von Ländereien nicht gestattet ist, und sie sich einen einträglicheren Unterhalt zu verschaffen wissen, als die Bebauung fremden Bodens. Bei Colonien im Osten wären diese Übelstände nicht zu befürchten, da die Juden in abgesonderten Gemeinden mit eigenen Farmen und Handwerken leben würden und nicht gezwungen wären, ihren Lebensunterhalt von ihren christlichen Mitbrüdern zu erpressen, sei es nun durch lautere oder unlautere Mittel. Man hat bis jetzt noch nie den Versuch gemacht, sie in ausgedehnte, fruchtbare und unbewohnte Landstriche zu versetzen, wo sie isolirt von den Bewohner des Landes leben könnten. Würde er jedoch in Amerika gemacht werden, so dürfte das Mislingen desselben nicht als Beweis gelten, da sie hier einerseits die Concurrenz mit einer in agriculturen Operationen höchst geübten Race aufzunehmen hätten, der überdies die neuesten und fortgeschrittensten Principien zur Verfügung stehen, und sie andererseits fortwährend der Versuchung ausgesetzt wären, andere augenscheinlich vorteilhaftere Ziele zu verfolgen. Vor einigen Monaten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.