Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1883)
- Date
- 1883-06-01
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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126 eigentümlichen Charakter erhalten werden, bis einst der langersehnte Tag erscheint. Und dies kann sicher am ehesten in dein Lande geschehen, in dem Gott sich ihnen zuerst vssenbarte, und an das sie die Hoffnung knüpfen, daß es ihnen bestimmt sei, ihn noch einmal in den Räumen seines wiedererbauten Tempels anzubeten. Von jeher haben sich die Folgen von Verfolgungen in der Entfaltung des religiösen Gefühls geäußert; diese Folge blieb auch nach den russischen Gräueln nicht aus. Es machte sich unter den russichen Juden ein tiefes Sehnen geltend nach einem Zufluchtsort, wo sie frei von der politischen Bedrückung despotischer Länder und von dem Drucke der socialen und commerciellcn Verhältnisse solcher, wo sie blos tolerirt sind, ein höheres moralisches und religiöses Leben entfalten könnten, als es ihnen in Gemeinden möglich ist, wo alle Einflüsse ihren Aspirationen zuwider sind. Die politischen Verhältnisse, unter denen die Juden in Rußland gelebt haben, machen es ihren Glaubensbrüdern im Westen schwer, mit ihrer Fühlüngs- und Denkungsart zu sympatisiren, selbst wenn sie dieselbe kennen. Im Westen wurde die Idee einer Restaurirnng daher bis in jüngster Zeit von den meisten bloß als ein abstractcs Gefühl angesehen, von den Fronnnen als ein mehr oder weniger wunderbares Ereignis betrachtet, das nur durch eine geheimnisvolle Fügung des Schicksals und durch eine Vermittlung, von der die Inden selbst nichts wissen wollen, herbeigeführt werden könne, während manche wieder sie für eine bloße theologische Chimäre hielten. Die Juden sind also noch nicht gehörig vorbereitet zu einer tätigen und energischen Propaganda für eine Rückkehr nach dem heiligen Lande, die von ihren Glaubensgenossen unternommen wird. Sie sehen die aufrichtige Meinung derselben nicht ein und begreifen nicht wie vorteilhaft diese .Rückkehr für sie wäre, die durch die Organisation von über ganz Rußland und Rumänien verbreiteten Comites und Gesellschaften gefördert wird, trotz der Schwierigkeiten, die ihnen hauptsächlich die russische Regierung bereitet. Trotzdem ist Hoffnung vorhanden, daß die „modernen aufgeklärten" Juden zu der Einsicht kommen werden, daß sie unter den gegenwärtigen widerwärtigen Verhältnissen diese Bewegung vom humanen Standpunkte aus nicht ignoriren dürfen, so sehr sie auch in ihren Ansichten bezüglich der Rätlichkeit derselben mit ihren Glaubensbrüdern im Osten difseriren und so wenig Sympathie sie mit den Aspirationen, durch tvelche sie hervorgerufen wurde, haben mögen; übrigens wird es nicht in ihrer Macht liegen diese Bewegung aufzuhalten, sobald der opportune Moment gekoinnien sein wird. Die jüdischen „Associationen" und „Allianzen" des Westens haben eine verhältnismäßig geringe Macht über die Juden des Ostens im Vergleiche zu dem außerordentlichen Einfluß, den die ultraorthodoxen Rabbiner auf deren Genüssen ausüben. Einige von ihnen machen denselben zu Gunsten einer Emigration nach dem Osten geltend, indem sie ihren Glaubensbrüdern, die eine Emigration nach Amerika für vorteilhafter halten, energisch Opposition machen. Eine merkwürdige Erscheinung ist es, daß eine Sektion von „Ultra Christen" ebenso an der Idee einer Restaurirnng des erwählten Volkes festhält, wie die ultraorthodoxen Inden selbst, ein Umstand, mit dem die Juden der indifferenten Richtung zu rechnen haben rverden, wenn die Bestimmung des größten Teiles der Nation in Betracht zu ziehen sein >vird. Schon jetzt haben sich Gesellschaften gebildet, die zur Subseriptivn für eine Colvnisation im Osten einladen, und wirklich sind zu diesen« Zwecke schon bedeutende Suminen gesamnielt worden. Es hängt nur davon ab, daß der Widerstand der Pforte gebrochen wird, oder