Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1883)
- Date
- 1883-06-01
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969698-2969705--0753-2971186- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
124 — Christenheit niederzureißen und sich unter dessen Trümmern zu begraben. Der orthodoxe Jude dagegen hofft und gründet diese seine Hoffnungen ebenfalls auf Versicherungen seiner heiligen Bücher, daß jene Trümmer bestimlnt seien, den Grundstein seiner zukünftigen Größe und seines Triumphes zu bilden. Erfühlt aber, daß er, um zu diesem Ziele zu gelangen, seine Racenmerkmale und seine religiöse Abgeschlossenheit bewahren muß, und dies erklärt den Widerstand, den die orthodoxen Juden Rußlands und des östlichen Europa dem Wunsche ihrer vorgeschrittenen westlichen Glaubensgenossen einer Massenemigration nach Amerika entgegensetzen und die Inauguration einer Gegenbewegung zu Gunsten einer Rückkehr nach dem Orient. Diese Aussicht hat einen Taumel der Begei sterung hervorgerufen, dessen Macht und Ausdehnung uur derjenige ermessen ka nn, der wie ich, ihn in unmittelbarer Nähe gesehen hat. Die Griinde, welche diese Verschiedenheit der Gefühle unter den Juden erzeugt haben, liegen nahe. Der westliche oder „moderne Jude" sucht sich so viel wie möglich mit dem Lande, in dem er als Bürger lebt, zu identificiren, er will, daß seine Interessen und seine Nationalität von denen, seiner Mitbürger nicht getrennt werden. Er wird ein treuer Patriot, da er weiß, daß ihm in einem freien Lande jede Carriere offen steht und er jede Machtstellung erreichen kann, ja er schreckt zurück bei dem bloßen Gedanken, daß man ihm Aspirationen nach einer obscuren Provinz Asiens zutrauen könnte, die einen bestimmten nationalen Charakter hat, der sich von demjenigen des Volkes, unter dem er lebt, unterscheidet. Im Gegensatz zu dem Irländer, der, sobald er Amerikaner wird, mit charakteristischer Unbeständigkeit ein feuriger Patriot beider Länder wird, verwirft der Jude die alte Heimat zu Gunsten der neuen. Er kennt keine unerfreulichere Aussicht und kein unliebsameres theologisches Dogma als das Erscheinen eines Messias, das ihn zwingen würde, den Fleischtöpfen seines r'ldoptivvaterlandes den Rücken zu wenden, um in das Land seiner Väter znrückzukehren. Dies ist wol der Grund daß man einem Mitgliede einer der reichsten jüdischen Familien des Westens den Ausspruch zuschreibt, er würde, wenn je der Messias käme, um die Stelle eines palästinensischen Gesandten in London ansuchen. Der orthodoxe Jude dagegen, der in Ländern lebt, wo ihm jede Laufbahn durch das Gesetz verschlossen bleibt, wo er weder Ländereien besitzen, noch bestimmte Handwerke betreiben darf, lvo er also gesetzlich zur Unfähigkeit verdammt ist, der Verachtung, der Ungerechtigkeit und der Verfolgung, die endlich ihren Culiminationspunkt in Raub und Mord finden, preisgegeben ist, wird natürlich stumpf, apathisch. Er hat also wirklich keine Ursache zum Patriotismus, und klammert sich an die Hoffnung eines Messias, und einer Wiederherstellung seiner Heimat. Unbewußt wird der Jude des Westens, der in Ländern lebt, in denen ein immer wachsender Scepticismus die Fundamente des ihn umgebenden Christentums zu untergraben droht, von der materialistischen Tendenz, die in die Literatur und in die Gesellschaft eingedrungen ist, angesteckt; die alten theologischen Dogmen werden bei ihm sowol, als auch bei dem Christen seines Adoptivvaterlandes allmählig verwischt. Er wünscht daß seine bigotten Glaubensbrüder des Ostens an den Segnungen der Civilisation und des freien unabhängigen Denkens, die er genießt, teilnehmen, und er glaubt deren Interessen besser zu wahren, wenn er sie nach Amerika schickt, wo sie möglicherweise aufgeklärte Millionäre werden, als wenn er ihnen zur Rückkehr in ein Land verhilft, das ihnen zwar durch Traditionen theuer ist, das aber mit dem Fortschritt der Zeit nicht Schritt hält, und wo ihre religiösen Vorurteile durch die Umgebung noch bestärkt werden,