Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1883)
- Date
- 1883-06-01
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969698-2969705--0752-2971185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
123 die letzten Spuren der Nacenunterschiede zu verwischen und sich durch Mischheiraten als einfache Deisten oder Unitarier mit jenen Mitgliedern der allgemeinen Gemeinde zu amalgamiren, die die Lehren der orthodoxen Christen verwerfen. Die Einflüsse, die auf den Mohamedaner wirken, sind, obwol er auch orientalischer Monotheist ist, ganz andere. Seine Religion, ihrem Charakter nach agressiv und bekehrend, hat, seitdem ihr Gründer die zu seiner Zeit vorherrschenden religiösen Ideen und Systeme auf das moralische Bedürfnis der Länder in denen er lebte, übertrug, große geistige und materielle Borteile errungen. Er trägt seitdem eine Verachtung und Geringschätzung aller anderen Religionen zur Schau, die einen starken Kontrast bilden zu der duldsamen und nachgiebigen Überlegenheit, die der orthodoxe Jude für seine eigene Religion zeigt; die Einrichtung des Kalifats hat dazu gedient, diese Arroganz der Mohamedaner zu bestärken und zu befestigen. Ihr ganzes häusliches System, das mit ihrem Gesetzbuch der Moral innig verbunden ist, ist abstoßend und steht in geradem Widerspruch mit dem christlichen; eine Assimilation der Muselmänner mit den Christen ist daher gerade so unmöglich, wie eine solche der Abkömmlinge Jakob's mit denen Jsmael's. Ich will hier nebenbei bemerken, daß der Mohamedaner merkwürdigerweise mehr Sympathie für, oder richtiger gesagt, weniger Antipathie gegen den an die Dreieinigkeit glaubenden Christen hat, als gegen den monotheistischen Juden, und zwar weil der letztere nicht wie er, Christus für einen Propheten Gottes hält. Wenn wir Civilisation und Christentum als synonyme Begriffe annehmen, — unter Christentum meine ich jedoch hier nicht nur Christen, sondern ich gebrauche das Wort blos als generischen theologischen Ausdruck — so ist es unschwer einzusehen, warum Moslim und Juden dasselbe von ganz verschiedenen Gesichtspunkten ansehen, und warum sie einen ganz entgegengesetzten Einfluß für die Zukunft ihrer Religion davon erwarten. Der Moslim ist gänzlich unfähig, sich den Einflüssen der Civilisation in socialer oder politischer Beziehung anzupassen; sie dient im Gegenteil nur dazu, seinen Fanatismus zu erregen, da er sich einer Kraft gegenüber sieht, deren überwältigenden Charakter er nicht widerstehen kann und der er, wie er selbst fühlt, unterliegen muß, wenn er ihr nicht mit dem Schwerte erfolgreich entgegentreten kann. So sehen wir, daß die Idee eines Jehad oder heiligen Krieges ihm eingeimpft ist, indem ihm von seiner frühesten Kindheit an ein Haß gegen den Ghiaur eingeflöst wird. Sein ganzes Leben lang trägt er sich mit der Hoffnung, daß es ihin einmal gelingen werde, seinem Haß kräftigen Ausdruck zu verleihen. Der Jude dagegen, der — bei Gott — weit mehr Ursache dazu hätte, nährt dem Christen gegenüber kein feindseliges Gefühl. Er hat wol durch den schrecklichen Kamps um's Dasein seine Fähigkeiten bedeutend geschürft, so daß ihm die Ausbeutung seiner christlichen Nachbarn leicht fällt, aber einen Haß hat dieser Kampf nicht erzeugt. Im Gegenteil, er giebt denjenigen unter ihnen, die nicht zu „vorgeschritten" sind, in religiöser sowol als in intellectueller Beziehung ein stolzes Gefühl der Überlegenheit, welches in letzterer Beziehung durch die Erfahrung vollkommen gerechtfertigt erscheint. Der orthodoxe Jude wird in allen mißlichen Lagen seines Lebens durch die lebendige Hoffnung aufrechterhalten, daß die eigentliche Geschichte seiner Nation noch in der Zukunft ruhe, während der Moslim fühlt, daß die seinige abgeschlossen habe. Trotzig und mürrisch wie er ist, findet er seinen größten Trost in dem durch Prophezeihungen bestärkten Glauben, daß es ihm, wie einst Simson, gelingen werde, den Tempel der 12*