Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1883)
- Date
- 1883-06-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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122 als unzulänglich erwiesen, führte selbstverständlich zu Complicierung und zur Erschwerung einer befriedigenden Lösung der beiden Fragen. Ein Beweis dafiir, daß die Juden und die Orientfrage bestimmt sind aufeinander zu wirken, ist die Weigerung der Pforte den ersteren die Erlaubnis zur Auswanderung nach Palästina zu geben. Im Laufe des gegenwärtigen Jahrhunderts ist das Reich in seiner Ausdehnung bedeutend verringert worden, indem eine Provinz nach der anderen unter dem Vorwände der Nationalität davon getrennt wurde; diese Erfahrungen haben nicht nur das Prestige des Islam unter seinen treuen Anhängern geschädigt, sondern auch ein Gefühl der nationalen Unsicherheit und eine Feindseligkeit gegen die Fremden im Allgemeinen hervorgernfen, von der wir kürzlich ein drastisches Beispiel in Egypten sahen. Als nun die Regierung hörte, daß die Emigration der russichen Juden nach einer Provinz gelenkt werden sollte, auf die sie später einmal nationalen Anspruch erheben könnten, der sich wahrscheinlich fremder Sympathien erfreuen würde, sah sie sich veranlaßt, die Einwanderung zu verbieten. Sie that dies sowol aus politischen als auch aus religiösen Gründen, die sie auf gewisse Prophezeihungen bezüglich der Rückkehr der Juden in das verheißene Land, basirt. Die beiden feindlichen monotheistischen Glaubensarten widersprechen einander ebenso, wie dem Christentum. Wenn wir nun die rastlose Thätigkeit derselben näher betrachten, so werden wir finden, daß die Collisionen, die durch die politischen und socialen Streitpunkte der drei Religionen hervorgernfen und durch Vorurteile noch erbitterter wurden, unvermeidlich sind, da diese Streitpunkte immer schärfer markirt erscheinen. Die Juden und die Mehrzahl der Moslim besitzen in Folge ihres gemeinsanien semitischen Ursprungs ein Racenband, das sie von den arischen Völkern Europa's trennt und die Juden nach jenen östlichen Ländern zieht, aus denen sie stammen und an die ihre frühesten religiösen und historischen Verbindungen sich knüpfen. Eine Erklärung dafür, daß sich bei den letzteren mancherlei Eigenschaften ausgebildet haben, die sich von denen anderer semitischer Völker so sehr unterscheiden, finden wir teils in dem schweren Geschick, das sie verfolgt, seitdem sie ihren nationalen Charakter verloren haben, teils in dem Einfluß der mosaischen Religion im Vergleiche mit der mohamedanischen. Die Thatsache, daß die Juden nienials ein weltliches Oberhaupt ihrer Religion anerkannten und nur Gott als solches verehrten, niachte es ihnen leicht in allen Ländern und unter allen Umständen ihren Gottesdienst zu verrichten. Eine notwendige Bedingung ihrer Existenz war es anßerdeni, den Geist ihrer Religion erfassend, keine Proselyten zu machen und ihre theologischen Anschauungen den Völkern, unter denen sie lebten, nicht aufzudrängen. Auch waren die Einrichtungen und ceremoniellen Bräuche nicht darauf berechnet, bei dem moralischen Sinn der christlichen Gemeinden Anstoß zu erregen, und ferner konnten sie ein sociales System, das auf Polygamie und auf eine große Ungleichheit der Geschlechter gegründet war, aus öeonomischen und manchen anderen Gründen nicht aufrecht erhalten. Dies sind lauter Umstünde, die es ihnen leicht machten, die Glaubensformen und die moralischen Gesetze, welche sie aus dem Orient mitgebracht hatten, den Gewohnheiten und der Lebensart des Occidents anzupassen; dies konnte aber um so mehr der Fall sein, als sie durch den Fortschritt des modernen Denkens und der unter den vorgeschrittenen und liberalen Juden immer mehr um sich greifenden Tendenz, sich mit den Bewohnern ihrer neuen Heimat zu assimiliren, die rituellen Vorschriften ihrer Religion aufgaben oder vernachlässigten. Hauptsächlich iit Amerika zeigen sie eine entschiedene Neigung