Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1883)
- Date
- 1883-05-01
- Page
- Seite 113 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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- iiä - dem althebräischen Volksgeiste, der so ganz von dem monotheistischen Gedanken erfüllt war, entwickeln; aber auch eine Kosmogonie im mythischen Sinne, welche die Gesetze und Kräfte der Natur personificirt, war durch die dem Volke tradirte biblische Schöpfungsgeschichte, gemäß welcher das unermeßliche Weltall durch das blose Machtwort des einzigen Gottes erstanden, von vornherein ausgeschlossen. — Alle jene ans Mythische streifenden Sagen über Gott, Welt, Menschenwerdung, Paradies, Hölle u. drgl., welche in Talmud und Midrasch zerstreut Vorkommen, sind keine originellen Vorstellungen der hebräischen Volksphantasie, die etwa, wie bei den alten Griechen, int Munde des jüdischen Volkes von Geschlecht zu Geschlecht als heilige Überlieferungen fortlebten; sondern sie sind entweder fremd heidnische Sprößlinge, welche eine unberufene Hand auf den Lebensbaum des monotheistischen Glaubens Propste, wo sie jedoch, ihre ursprüngliche sinnlich-schöne Form einbüßend, gänzlich verkümmerten, weil ihnen eben das sie nährende jüdische Volksgemüt fehlte, oder aber sie sind solche Märchen-und Legendenblüten, welche von einzelnen Kabbalisten im Treibhanse der krankhaften Mystik hervorgebracht und gepflegt wurden, ohne den gesunden jüdischen Volkssinn und dessen religiöse Anschauung irgendwie zu beeinflußen. — Von einer althebräischen Mythologie kann mithin überhaupt nicht die Rede sein, sondern höchstens von einer mythisch-naiven antropomorphistischen Darstellungsweise, in welcher die Bibel die Weltschöpfung und die Thaten des einzigen Gottes speciell in der Geschichte des alten Israel uns anschaulicher erzählt, ich möchte sagen, popularisirt wird. — Die Legenden hingegen, ivelche Talmud und Midrasch viel später mit jenen biblischen Traditionen in anrropomorphistischer Form in Verbindung bringen, haben mit dem Volksglauben der alten Hebräer nichts zu schaffen — wie sie denn selbst im talmudischen Zeitalter dem allgemeinen Volksbewußtsein unbekannt blieben — haben überhaupt nie eine religiös-dogmatische Bedeutung in Ceremonie und Satzung des Judentums besessen, da sie für nichts anderes, als für willkürliche Phantasiegebilde einzelner Talmudgelehrten gehalten wurden, deren Geist eine kabbalistisch-mystische Gedankenrichtung genommen hat. — Wohl haben gelehrte Bibelforscher und Archäologen der Neuzeit, z. B. Nork, Goldzieher, Poper, Schnitze und die ihnen vorangehenden Orientalisten Gesenius und de Wette, den Versuch gemacht, den überwiegenden Teil der Urgeschichte der alten Hebräer für einen blosen Mythos zu erklären, und selbst die Patriarchengestalten nur als Personificationen von Ideen oder Erscheinungen am Himmel und auf Erden gelten zu lassen — eine Anschauung, die schon Philo in seinen Bibelerklärungen durchleuchten ließ; — allein da hat nur die Phantasie dieser Gelehrten, die sich allerdings als eine mythenbildende glänzend bewährte, Vorstellungen in die Bibel hineingetragen, die jedoch keine überzeugenden, wissenschaftlichen Motive zur Basis haben. Denn wenn man, z. V. im Bruderpaare Esau und Jakob, Sonne und Mond personificirt sieht, so zeigt dies allerdings von mächtiger Einbildungskraft, kann aber nicht als wissenschaftliche Wahrheit allgemeine Anerkennung fordern. — Abgesehen nun von diesein Gesichtspunkte, der im oben bezeichneten Werke weder widerlegt noch berücksichtig wurde — obwohl er zur richtigen Wertschätzung der gesammelten Talmud- und Midraschsagen von charakteristischer Bedeutung ist — hat der gelehrte Verfasser mit seiner „Mythologie der alten Hebräer" der jüdischen Ältertumsgeschichte einen sehr beachtenswerten Dienst geleistet, für den wir ihm Dank und Anerkennung schulden. — Die im weiten Labyrinthe des Talmuds und Midrasch; zerstreuten Sagen und mystischen Deutungen der heiligen Schrift wurden von ihm in ein klares, übersichtliches System gebracht; auch hat er zur 11