Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1883)
- Date
- 1883-05-01
- Page
- Seite 112 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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112 Ueferale. Mithologie der alten Hebräer von Dr. I. Berget. I. und II. B. 1882—83. Verlag von W. Friedrich Leipzig. Bevor ich das bezeichnete Werk, welches von großer Belesenheit des intelligenten Verfassers in der biblisch-talmudischen Literatur zeugt, eingehender bespreche, will ich auf eine Frage reflectiren, die bei der Beurteilung einer althebräischen Mythologie vor allem ins Auge gefaßt werden muß. — Auf die Frage nämlich: War die Mythosbildung in der religiösen Sphäre des biblischprophetischen Judentums, wo das Glaubensprincip des reinen Monotheismus vorherrschte, in der Weise möglich, wie sie sich im religiösen Leben anderer Völker, z. B. der alten Griechen, neben dem polytheistischen Religionsgedanken vollzog? Meiner unmaßgeblichen Meinung gemäß muß diese Frage mit einem entschiedenen „Nein" beantwortet werden. — Denn wer die Genesis des griechischen Mythos beachtet, wird die Überzeugung gewinnen, daß er nicht das Phantasiegebilde einzelner Theologen oder Religionsphilosophen war, welche die verschiedenartigen Vorstellungen desselben nach und nach in das religiöse Volksleben einfiihrten, sondern die ureigne, im hellenischen Volksgenius sich bildende Glaubensanschauung umfaßte, die von dem Mythos wie von der Heiligkeit einer göttlichen Religion durchdrungen war. — Die Götter, Halbgötter und Heroen der Hellenen, die der Dichter in poetisch-schönen Worten verherrlichte und der Künstler in hochragenden Erz- oder Steingestalten verkörperte, waren Gegenstand des religiösen Volkscultus, der dem von ihnen erzählenden Mythos die hohe Kraft und Bedeutung eines Dogmas zuschrieb. Wir können demnach sagen: Der Mythos war die Religion des Griechenvolkes und die Mythologie, die von den Poeten dichterisch und von den Denkern philosophisch verwertet wurde, indem sie deren Inhalt bald als poetisch-schöne Allegorie, bald als sinniges Symbol von Ideen erfaßten, war die Religionslehre desselben, an welcher das griechische Volksgemüt, unberührt von allen künstlichen Deutungen und Auslegungen, festhielt als an einer Glaubenswahrheit, deren Verletzung sogar mit dem Tode bestraft wurde. — Nicht so bei den alten Hebräern. Der Brenn- und Mittelpunkt des althebräischen Volksglaubens war die unsichtbare, reingeistige, über die Natur und Menschenwelt gebietende Persönlichkeit eines einzigen Gottes, der den Namen „Jehowa," d. h. das ewige umwandelbare Sein mitten im Wechsel des Natur- und Völkerlebens, führte; dessen wunderwirkende Allmacht allein das Universum gestaltet und die Entwicklungsgeschichte der ganzen Menschheit bestimmt. — Neben dieser Gottesmacht an andere Mächte, an gute oder böse Geister zu glauben, war eine Totsünde; wie denn auch das religiöse Volksbuch der Hebräer, der Pentateuch, von keinen andern schaffenden und zerstörenden geistigen Potenzen spricht, sondern nur von Engeln, die aber ebenso, wie die Naturkräfte und die auserwählten Menschengeister auf Erden, blos Boten des einzigen allgewaltigen Gottes genannt werden. - Die heilige Schrift kennt keinen Mythos, nach dessen Bericht neben dem einzigen unsichtbaren Gotte auch andere Götter oder Halbgötter in die Menschenwelt eingreifen und deren Geschicke lenken; sie kennt nur Erzählungen von übernatürlichen Wunderthaten, die entweder unmittelbar durch Gott selbst, oder mittelbar durch bevorzugte, jedoch sterbliche Menschen zum Wole und zur Rettung eines Volkes oder einer Familie vollführt werden. — Eine Theogonie also, welche den Hauptinhalt der Mythologie bildet, konnte sich unmöglich aus