Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1883)
- Date
- 1883-05-01
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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107 Geist sich Bahn brechen wird. Möge diese Hoffnung uns aber auch ein Sporn der Aneiferung sein, auf daß wir solchen höheren Zielen unseren Blick zuwenden und Geisteswürde und Geistesfreiheit, echter Gottessinn und wahre Menschentugend in Israel heimisch werden, heimisch bleiben. Lassen wir den Mahnruf unseres Freiheitsfestes nicht ungehört verhallen! M. Zur Geschichte der Wtutveschutdigungen gegen die Juden im Wittekatter und in der Weuzett (1171—1882). Nach den Quellen dargestellt von vr. M. H. Friedländer. V. ' Zm sechzehnten Jahrhundert. Im Jahre 1529 wurden am 21. Mai (13. Siwan) in Bösing bei Preßburg in Ungarn dreißig Juden verbrannt und deren Kinder getauft, weil ein altes Weib einen toten Knaben gefunden. Da man nicht gewußt, wer der Mörder war, so mußten selbstverständlich, wie es damals Usus gewesen, die Juden dafür verantwortlich gemacht werden. Über die Blutbeschuldigung in Bösing berichtet ein bekannter Historiker Folgendes: „Graf Wolf zu Bösing war dem Juden Estlein Ausch daselbst Geld schuldig und außerdem noch mehreren Juden zu Marchegg in Niederösterreich. Er wollte sich dieser Schulden entledigen, indem er seine Gläubiger aus dem Wege räumte. Der Vorwand, den Juden ein Leid zuzufügen, war bald gefunden. Graf Wolf vermochte nämlich ein altes, halbblödes Weib, sich mit einem nicht ihr gehörigen Kinde aus Bösing zu entfernen. Nachdem dies geschehen war und das Kind von den Eltern gesucht wurde, erhob Graf Wolf die Klage gegen die Juden. Man drang nun in ihre Häuser und begann zu rauben und zu plündern. Estlein Ausch wurde in Gewahrsam gebracht und gefoltert, um ihm das Geständnis abzupressen. Er sagte aus was man wünschte und wollte, u. A. daß die Juden in Marchegg seine Mitschuldigen seien. Hierauf erlitten alle Juden, welche nicht durch Flucht ihr Leben gerettet hatten, den Feuertod. Nnn wollte Graf Wolf sein Werk in Marchegg fortsetzen. Da wendeten sich die Juden in Wien am 12. Januar 1529 an den Kaiser Ferdinand mit der Bitte, die Sache untersuchen zu lassen. In der That befahl der Kaiser von Linz aus, wo er sich damals befand, am 21. Juni 1529, „den Statthalter, Regenten und Reten des Regiments der niederösterreichischen Landen" die angeklagten Juden aus Marchegg dem Obersten Feldhauptmann Niklas Grafen Salm auszuliefern, damit dieser den Prozes führe und das Urteil fälle. Der Kaiser begründet dieses Forum mit dem Motiv, da die Juden „Kammergut" des Kaisers seien. Während der Prozes geführt wurde, fanden in Geschäftsangelegenheiten herumziehende Juden aus Wien das Weib sammt dem Knaben, der angeblich ermordet wurde, womit auch selbstverständlich der Prozes ein Ende hatte. Das