Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1883)
- Date
- 1883-05-01
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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104 hingelagert, noch immer die Hoffnung geblieben, deren Strahl über alle Trübnis hinausleuchtet; und wenn sie auch noch in so weiter Ferne zu liegen scheint, die Zeit, die das gewünschte Heil herbeiführen soll, dem Morgen einer besseren Zukunft sieht das im Glauben gestärkte Herz getrost entgegen, denn die Gnade Gottes hört nie auf und seine Liebe richtet auch den Gebeugten empor. Hoffen sollte daher Israel zu jeder Zeit, hoffen auf Gott auch in den Tagen schwerer Bedrängnis und bitteren Leids, denn Gnade ist bei dem Ewigen und auf mannichfachen Wegen sendet er Heil und Erlösung; er ist es, der Israel erlöst, indem er durch die Lehre der Wahrheit es der Geistesknechtschaft entzieht, daß nicht mehr die Siinde über ihn Gewalt hat und in ihrem Gefolge das Verderben einherzieht. (Ps. 130, 6, 7.) Hat Israel aber solcher Hoffnung sein Herz stets erschlossen? Hat seine Hoffnung solch erhabenen Heileszielen sich zugewendet? War es von dem Glauben an die ewige Liebe und Gerechtigkeit Gottes so tief durchdrungen, daß es in ihm eine Stütze des Mutes und der Erhebung fand und freudig einer schönen Zukunft entgegeuharrte, ob auch die Ungunst der Zeiten sich ihm hemmend in den Weg stellte? Man sollte glauben, daß dem immer so gewesen wäre, daß die Verheißungen des Trostes und des Heiles, die die Propheten, die Männer der Wahrheit, die mit erleuchtetem Seherblicke weit in die Zukunft hinausschauten, in Israel verkündet haben, da auch gehört, verstanden und beherzigt worden wären, und dennoch sehen wir stets einen tiefen Zwiespalt zwischen Israel und den Propheten bestehen, indem es ihre Lehre nicht kennen, nichts wissen will von ihren herrlichen Verheißungen, von ihren erhabenen Zukunftszielen. Moses tritt zu dem gedrückten, geknechteten Volke hin, das in Ägypten unter der Last des Elends seufzt, verkündet ihnen den Nanien des Ewigen, des Ewigen, dessen Liebe alle Menschheit umfaßt, des Allgerechten, der den Trotz der Gewaltigen bricht und den Bedrängten ein huldreicher Helfer ist; er verheißt ihnen die Erlösung, die nicht ausbleiben kann, so lange ein Gott die Menschheit regiert, eröffnet ihnen eine Zukunft des Heiles, wo Israel als das Volk Gottes dastehen und der Ewige sein Führer, sein Schutzherr sein wird in aller Zukunft (2. B. M. 14, 6. 7), läßt einer Zeit sie entgegenblicken, in der ein goldener Morgen der Freiheit über ihrem Haupte erstrahlen und nie wieder die ägyptische Knechtschaft und Finsternis über sie hereinbrechen wird — und sie wollen nichts davon wissen und hören nicht auf Moses. Und warum nicht? Aus Kleingeisterei und weil der harte Dienst ihren Mut gelähmt, ihr Herz niedergedrückt hatte. (2. B. M. 14, 9.) Für Hoffnungen, wie sie dem Glauben an die ewige Liebe und Gerechtigkeit Gottes entstainmen, wie sie aus dem Vertrauen auf die Macht und Weisheit der Vorsehung erwachsen, war in ihren Herzen kein Raum, war in ihrem Geiste kein Verständnis vorhanden. Das ist eine traurige Erscheinung, die hier nicht vereinzelt geblieben, sondern in dem geschichtlichen Leben Israels öfter wiedergekehrt ist und die auch jetzt noch in seiner Mitte hervortritt. Sie hören auf Mosen nicht, wollen die Lehren der Männer nicht verstehen, die in eine weitere Zukunft hinausschauen und den Mahnungen der Seher, die ihren Blick nicht in den beschränkten Gesichtskreis der Gegenwart einengen, schenken sie kein Gehör aus Klein ge ist erei und weil sie ganz aufgehen im Dienste der Erde, der jeden höheren Aufschwung hemmt und niederdrückt. Wenn wir an Israels Freiheitsfeste den alten Erlösungsruf vernehmen, dann sollen wir ihn stets auch als einen an uns gerichteten Mahnruf ansehen,