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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-05-01 · Heft 5 (1.5.1883) · p. Seite 102

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 5 (1.5.1883)
Date
1883-05-01
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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102 lichen aufgebaut. Nur als die Bürger zur Selbstständigkeit oder Mündigkeit gekommen waren, da hieß es: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen" und der Jude wurde mit Feuer und Schwert verjagt und wenn nicht vertilgt, zum gemeinen Wuchrer und Trödler systematisch erniedrigt. Man schrieb dann seinen früheren staunlichen Erfolg allerlei teuflichen Zauberkünsten zu, die er mit Christenblut und anderen Schaudermitteln zn verüben wußte, wie da sind Brunnenvergiftungen und Herrgottsschändungen aller Art. Trotzalledem ist es Thatsache, daß während all' der Jahrhunderte des Drucks und Haßes der Jude unter all den streitenden Racen und Sekten mehr als sie alle die reine Menschenwürde behauptete, die reine Menschensache vertrat. Von Muselmann und Christ stets hin und hergeschoben, mußte er schon im eigenen Interesse die Sache des weltbürgerlichen Menschentums vertreten. Durch stete Controversen, durch die allezeit häufigen Religionsgespräche wurde sein Geist geschärft und gestählt und auf die Behauptung und Berschanzung eines Standpunktes hingeleitet, den alle drei Religionen einnehmen könnten. So ist die schöne Lessing'sche Parabel von den Drei Ringen, die das Princip der Toleranz und Aufklärung so herrlich verkündet, einem jüdischen Fabelbuch, dem Boccacio es entlehnt hat, entnommen und erwiesenermaßen jüdischen Ursprungs. So nehmen alle mittelalterlichen Werke über Ethik, die jüdische Lehrer verfaßt haben, den echt humanen Standpunkt ein; das rein Menschliche kommt in allen zum schönsten und vollsten Ausdruck. Oder nehmen Sie als Proben jüdischen Denkens die Werke Philo's von Alexandrien, des Zeitgenossen Jesus, oder des Maimoniden in Spanien's Blüthezeit, des allerdings gegen Juden stark verbitterten Spinoza in der Morgendämmerung der neuen Aera und schließlich Mendelssohn's, des Moses der modernen Judenheit. Sie vertreten allesammt eine Religion der reinen Vernunft, eine Ethik der echten Menschheit. Bei aller Verschiedenheit ihrer Ansichten, sind sie große Weltbiirger, es ist nichts Engherziges und Ausschließendes in ihrer Lehre und Weltanschauung. Ist nun, frage ich, durch die Geschichte nicht Gang und Richtung dem jüdischen Volke vorgezeichnet? Zurück nach Palästina, zurück aus allen Ländern europäischer Civilisation, worin jede Strecke mit jüdischem Blut getränkt, jedes Gebiet der Kunst, Wissenschaft und Industrie mit Lorbeeren jüdischen Ruhmes und Sieges bedeckt ist, nach einem Ländchen zu gehen, das für alle höhere Menschheitsideale politischer oder religiöser Natur zu unbedeutend ist, um je Aussicht auf Erfolg zu finden, und dort ein jüdisches Königreich zu errichten, das höchstens an Lächerlichkeit und Ohnniacht die beiden früheren Reiche übertreffen kann, — das kann wahrlich das Ziel nicht sein. Mt einer so lächerlichen Farce kann das größte Drama der Weltgeschichte nicht enden. Wie ein Meteor kann der majestätisch daherziehende Stern Jaakob's am Himmel der Menschheit nicht verschwinden. Oder sollte das Judentum gar wie ein Steppenfluß im Sand verinnen? Ohne irgend eine geschichtliche Sendung weiter zu erfüllen, unter den Völkern spurlos sich verlieren? Dann wäre die Weltgeschichte wirklich eine Tragödie ohne Versöhnung und Sühne, eine Kette von Illusionen ohne Licht eines höheren Waltens, einer allgerechten Vorsehung. Dann war das Dulden und Leiden, das Ringen und Bluten des Juden, des Völkermessias, ein Narrenspiel. Nein. Ob man's anerkennen will oder nicht, wir haben, zerstreut über die ganze Erde hin, wie wir sind, den Beruf, Gottes Königreich auf Erden zu vollenden, eine altersmorsche, zerfahrene Welt des Geistes auf Grundlagen neu aufzurichten, die, solange der Mensch denkt und fühlt und zum Himmel

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