Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1883)
- Date
- 1883-05-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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99 Verlangen nach dem Unendlichen, so daß er bei aller Vielgötterei die obersten Gewalten der Natur mit einer starken persönlichen Willenskraft, mit einem wenn auch streng despotischen und ernsten, immerhin aber sittlich empfundenen Charakter ausstattete, um sie als Herren oder Könige, Baal oder Moloch, in ein irgendwie sittliches Verhältnis zum Menschen zu bringen. Dieses Verlangen nach dem Unendlichen, Unbegrenzten trieb das eine Volk an, längs des unabsehbaren Himmels mit seinem Sternenheer seinen spähenden Geist dahinschweifen zu lassen, das andere die weiten Länder, das dritte die ausgebreitete See erobernd zu umspannen. Und was ist die wunderbare Erfindung der Buchstabenschrift einerseits und des Zalensystems andererseits als die Vergegenwärtigung eines vollkommen subjectiven oder abstrakten Gegenstandes, die Fassung eines Gedankendings, das die wirkliche Welt nicht zeigt, sie aber erklärt? Nun hier sind die phychologischen Elemente -für die ureigenste Schöpfung des semitischen Geistes, für die Großthat des jüdischen Volkes. Das Verlangen nach dem Unendlichen, nach der erhabensten Persönlichkeit, nach dem alle faßbare Wirklichkeit überragenden und erklärenden Urgründe führte das jüdische Volk dahin, das innerste Geheimnis der Welt und des Menschenherzens zu enträthseln, den von Allen gesuchten, von Keinem gefundenen Gott zu erkennen. Dieselbe religiöse Glut, die bei den semitischen Götteraltären ihre schreckliche, Leben verzehrende Kraft entfaltete, hat in Israel das Himmelsfeuer der Propheten entzündet, das zur Sonne der Wahrheit und Heiligkeit der gesummten Menschheit geworden ist. Das jüdische Volk gab der Menschheit einen Mittelpunkt, eine gemeinsame Basis, ein gemeinsames Ziel und der Welt einen Thron der Gerechtigkeit und der Liebe. Wir brauchen noch lange nicht die Bibel zu vergöttern. Gerade als nationaler Schatz, gerade als Menschenwerk ist sie ohne Gleichen. Mag der Spötter immerhin Manches oder Vieles darin zur Zielscheibe seines Hohnes machen, die Thatsache kann er nicht wegleugnen, daß das Buch der Bücher eine Macht ausübt, die alle Eroberer und Reiche der Erde in den Schatten stellt. Die hier dargebotene Lehre mußte somit einem tiefen Verlangen der Menschenbrust entsprochen, die zartesten Saiten des Menschenherzens berührt haben, wie kein anderes Erzeugnis des Menschengeistes, wenn sie die Heidenwelt gleichsam im Sturm erobern konnte. Und wie so? Offenbar weil sie Welt und Geschichte in einem ungeahnten neuen Licht, im Lichte einer unendlichen Güte, Gerechtigkeit und Heiligkeit darstellte, das Naturwalten als das Werk und die Werkstätte Eines erhabenen Geistes erscheinen ließ und den Menschen darin als Gottes Kind, als Mitarbeiter des Allgeistes auf der majestätischen, die Scenen und Personen ewig wechselnden Bühne der Weltgeschichte. Hierdurch erst fiel auf die Sagen und Überlieferungen der Vorzeit ein neues Licht, die Träume und Erwartungen für die Zukunft erhielten eine neue höhere Bedeutung. Die ehrwürdige Vergangenheit bot den Stammbaum des Menschengeschlechts, die ferne Zukunft das leuchtende Ideal den Völkern dar, um Eine Bruderkette um sie alle zu ziehen. Mit dem Buche der Lehre in der Hand, mit der Synagoge, seinem Gotteshause, der Volksbelehrung und Gemüthsveredlung errichtet, wo er sich auf der weiten Erde niederließ, und mit dem Sabbath, diesem Tag der Rast und der Geisteserhebung für Hoch und Niedrig, Alt und Jurist, ward der Jude der Lehrer und Erzieher der Menschenfamilie, der Erbauer einer neuen Welt, aus den Quadersteinen des Sinaifelsens gehauen. Ist diese unsre Civilisation, ftage ich, nicht mindestens ebenso sehr eine jüdische als eine christliche zu nennen, nicht ebenso gut semitischen als arischen 10*