Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1883)
- Date
- 1883-04-01
- Page
- Seite 89 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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89 mit Freuden, weil sich ihnen hierdurch die Gelegenheit darbot, die Juden verdächtigen zu können. Eine christliche Amme, so wurde das Gerücht verbreitet, hätte das Kind den Juden verkauft, die es erschlagen haben, um dessen Blut am Passah- Feste zu genießen. — Am vorletzten Passahtage überfiel die aufgestachelte Menge die Mainzer Gemeinde. Zehn Personen wurden getötet und viele jüdische Häuser geplündert. Das Glück war, daß der edle Erzbischof Werner sich der armen Juden angenommen hatte, sonst wäre kein einziger Jude in Mainz am Leben geblieben. Am selben Tage fand auch in Bacharach ein Judengemetzel statt, wobei 26 Juden umgekommen sind. Auch in anderen Städten wurden um jene Zeit viele Juden erdrosselt. Im Jahre 1285 wurde auch die Gemeinde zu München auf ähnliche Weise heimgesucht. Ein Gerücht wurde verbreitet, die Juden Hütten von einem alten Weibe ein Christenkind gekauft uitb erdrosselt. Die raub- und blutgierige Menge überfiel sofort die Inder: und mordete nach Herzenslust. Da aber viele Juden sich in die Synagoge flüchteten, so steckten die Mordbrenner dieselbe in Brand. Hundert und achtzig Personen fanden darin ihren Tod. Ein Jahr später wurden einer ähnlichen albernen Anklage wegen vierzig Juden in Oberwesel und Boppard erschlagen. III. Äm vierzehnten Jahrhundert. Am 1. März 1332*) ist iu Ueberlingen am Bodensee ein christlicher Knabe verloren gegangen, und als er nach eitrigen Tagen iu einem Brunnen tot *) Ungefähr drei Dezenten früher, 1303, hat in Thüringen eine allgemeine Judenverfolgung stattgefunden, weil die Klage laut wurde, die Juden Hütten ein christliches Kind geschlachtet und dessen Blut zu religiösen (??) Zwecken verwendet. - Das vierzehnte Jahrhundert war überhaupt das bitterste und verhängnisvollste, das die Juden je erlebt haben. Bor Allem hatten die Juden in Frankreich und Spanien (1320) von dem Kreuzznge der Hirten viel zu leiden. Eine Horde von Hirten zog unter dem Vorwände eines Kreuzzuges brennend, mordend und plündernd umher. Mehr als hundert jüdische Gemeinden sind durch die Metzeleien der Hirten (OsZerat ha Roim) vernichtet worden. Ein Jahr später wurde ihnen wieder zum Borwurf gemacht, daß sie die Aussätzigen, die im Mittelalter von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen waren, in der Landschaft Guineen verleitet hätten, die Flüsse und Brunnen zu vergiften, obgleich ihnen eine solche ruchlose That zu begehen nicht einmal in den Sinn gekommen ist. (Bgl. LalouimoZ Rhen Bochau) Es Haben dies die Aussätzigeil selbst (Christen) aus Rache gethan, weil sie schlecht beköstigt wurden. Haarsträubende Gräuelszenen kamen während der Zeit, als die große Epidemie „der schwarze Tod" grassierte. Es war dies von 1348 -1350. Genuesische Kaufleute hatten die Pest aus dem Oriente nach Europa cingeschleppt Unwissenheit der Ärzte, verkehrte Maßregeln der Regierungen, waren die größten Bundesgenossen der verheerenden und vernichtenden Seuche. In Wien starben an einem Tage 1200 Menschen an der Pest. Auch unter den Juden hatte stch der schwarze Fürst der Schatten recht viele Opfer geholt. Da sie jedoch ihres mäßigen, moralischen und sittlichen reinen Lebenswandels wegen verhältnismäßig weniger von der Pest angegriffen wurden als die Christen, so kamen die frommen Bekenner der 'Religion der Liebe auf den unglücklichen Gedanken, die Juden hätten die Quellen und Brunnen vergiftet, um das Christentum völlig ausrotten zu können. Dieses und ähnliche scheußliche Mührchen wurden überall verbreitet und eine allgemeine Judenschlüchterei war die natürliche Folge derselben. Ganze große und ansehnliche Gemeinden Jeschuruns haben faktisch zu sein aufgehört. Am meisten haben um diese Zeit die Juden in Deutschland gelitten. Sie wurden in allgemeinen Blutbädern hingeschlachtet. Nur denjenigen, die die Taufe annahmen, war man geneigt, das Leben zu schenken, allein von der Taufe wollten nur die wenigsten hören und Tausende und abermals Tausende zogen das Feuer dem Wasser vor. — Bemerkt muß jedoch werden, daß um jene Zeit der Papst Clemens VI. sich der Juden eifrigst annahm und zweimal Bullen erließ, in welchen er das Treiben der Christen entschieden geißelte. 8