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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-04-01 · Heft 4 (1.4.1883) · p. Seite 81

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 4 (1.4.1883)
Date
1883-04-01
Page
Seite 81 (sequence 9)
Language
German
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81 Doch trotz aller Anstrengungen Rabbi Menasse's, Cromwell's und vieler Anderen konnte die Frage nicht erledigt werden. Noch ein halbes Jahr blieb der nunmehr auch vou seinen Begleitern verlassene Rabbi Menasse in London, um für seine Sache zu wirken. Die gegnerische Partei ruhte nicht. Allerlei Verleumdungen wurden ersonnen und äusgestreut in Wort und Schrift. Selbst das allerflüchw ürdigste Lügenmärchen vom Gebrauch des Christenblutes am Pessachfeste bei den Juden wurde zum souudsovieltenmale wieder aufgefrischt. *) Gegen diese Verleumdungen erschien am 10. April 1656 seine englisch abgefaßte und später von Dr. Markus Herz für Mendelssohn in's Deutsche übersetzte und von diesem bevorwortete Schrift „Rettung der Juden." Aus dieser Schrift verdient folgendes schlagende Wort hervorgehoben zu werden. Nachdem er aus den verschiedensten Kirchenvätern und Kirchenschriftstellern nachgewiesen, daß früher die Heiden dasselbe Blutmärchen den Christen angedichtet hatten, was sie jetzt den Juden andichten, sagt er so offen und kühn: „Aus derselben Absicht und auf gleiche Weise, wie sie die Sache als eine fälschliche Anklage leugneten, leugnen auch wir sie, und ich möchte sagen, vielleicht noch mit etwas mehrerem Grund, indem wir keine Art von Blut genießen dürfen, wozu die Christen sich nicht verpflichtet halten." (Siehe Mendelssohn's gesammelte Schriften, herausgegeben von G. B. Mendelssohn, Leipzig 1843, Bd. 3, S. 220.) So mutig sprach der alleinstehende Rabbiner in fremdem Lande zu den Judenfeinden. Diese Schrift hatte zwar die Verleumder zum Schweigen gebracht, doch der Staatsrat konnte sich noch nicht zur allgemeinen Aufnahme der Juden entschließen; und so verließ Rabbi Menasse ben Jsral enttäuscht und gebeugt London am 20. Februar 1657, von Cromwell mit den herzlichsten Segens- Wünschen begleitet und durch einen Jahresgehalt von 100 Pfd. aus dem Staatsschätze ausgezeichnet. Wenn aber auch die Judenaufnahme noch nicht im Parlament als allgemeine Gesetzesbestimmung durchdringen konnte, so trug doch der Same, den Rabbi Menasse ben Israel im Angst- und Sorgenschweiß seines Angesichtes äusgestreut hatte, recht bald einzelne edle Früchte. Einzelnen Familien wurde von Cromwell die Niederlassung gestattet, * 2) denen noch im selben Jahre ein Begräbnisplatz eingeräumt wurde, und schon 1667 hatte London eine Judengemeinde mit einem Rabbiner. Doch wie Mose Palästina nicht sehen sollte, so sollte auch Rabbi Menasse ben Israel die Früchte seiner edlen Saat nicht reifen sehen. Er, der seinen Glaubensbrüdern eine neue Heimat verschaffen wollte, er sollte seine Heimat nicht Wiedersehen. Erschöpft von den außerordentlichen geistigen und körperlichen Anstrengungen schloß er unterwegs seine milden Augen und hauchte im März 1657, also in einem Alter von 53 Jahren, im Hause seines Bruders Ephraim in Middelburg, in der niederländischen Provinz Seeland, seine große kampfesmüde Seele aus. *) Dieses neuestens wieder durch Tissa Eßlor i» Schwung gekommene Schauermärchen führt Rabbi Mcnasse b. I auch auf den gemästeten Griechen Abions zurück. 2) Vergleiche hierüber meine Schrift: „Das Syuhedrion unter Napoleon I. und die ersten Emancipations-Bcstrebungen. Vortrag zum hundertjährigen Jubiläum des Lessing'schen Nathan," Prag 1879, Seite 10. Diese Schrift empfiehlt sich überhaupt als Fortsetzung dieses Vortrags.

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