Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1883)
- Date
- 1883-04-01
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 Gewohnheit auch noch in Amsterdam ihren Einfluß geltend; Viele mögen sich von manchen angenommenen, aber mit dem Geiste des Judentums unvereinbaren Sitten nicht haben lossagen können noch wollen. Gegen diesen Zustand scheint auch Rabbi Saul geeifert zu haben, nur scheint er weit über das Ziel hinaus geschossen zu haben. Oder heißt das etwa nicht nber's Ziel geschossen, wenn wir in seinem Gibearth Saul, S. 69 d. in einer seiner Reden lesen, wie er seinen Hörern wehmütig klagend zuruft: „Siehe, von den Völkern, unter denen wir leben, lernen wir die Kleidung und den Hochmut.wie sie, essen auch wir von ihrem Käse und trinken von ihrem Weine .... wie sie, stutzen und richten auch wir uns den Bart zu.wie sie, gehen auch wir in die Weinkeller und Schauspielhäuser." Freilich mag die Prunk- und Genußsucht in den wolhabenden, so plötzlich frei gewordenen Familien der Amsterdamer Gemeinde das gehörige Maaß weit überschritten haben. Sie mögen auch in der Hebung mancher wichtigen religiösen Vorschrift aus Ungewohnheit nachlässig gewesen sein, und befürchtete der gottesfürchtige Mann nicht mit Unrecht einen Rückfall in den früheren Zustand; wie er ihnen einmal in so väterlich treuem, besorgtem Tone zuruft: (ibiä. S. 87 a.) „Und wenn wir uns auf die Reise begeben, daß wir uns die Tefilin mitnehmen und beten, auf daß Alle, die uns sehen, uns als Bekenner des einzigen Gottes erkennen, und wir nicht wieder in den Zustand zurückfallen, aus dem wir erst herausgekommen sind!" Ader kann man verlangen von Menschen, deren Familien über ein Jahrhundert lang einen andern Glauben heucheln und jede äußere Unterscheidung und gesellschaftliche Absonderung von den echten Bekennern dieses Glaubens meiden mußten, kann man von solchen Menschen verlangen, frage ich, daß sie plötzlich mit einem Male in ihrer ganzen Lebensart von ihrer andersgläubigen Umgebung sich äußerlich unterscheiden sollen?! daß sie sich anders kleiden und tragen, kein Glas Wein mehr mit ihnen trinken sollen?! Dieser Punkt, denke ich, war es, der das Zerwürfnis zwischen Rabbi Saul und Rabbi Menasse den Israel hervorrief. Rabbi Menasse ben Israel waltete seines Amtes mit mehr Nachsicht; er berücksichügte mehr die Vergangenheit, die traurige Vergangenheit der Familien, als sein College; was ich auch durch ihre verschiedene Herkunft nur natürlich finde. Rabbi Menasse ben Israel, als geborner Portugiese, als selbst, wenn auch im frühesten Kindesalter, gewesenerMarrane, mußte mehr Nachsicht mit den Schwächen seiner Gemeindemitglieder haben. Hat er j|a selbst die Bitterkeiten und Schrecknisse des Marranenlebens in frühester Kindheit zu kosten bekommen und bei den Seinen mit eigenen Augen gesehen! Er wußte darum, was man von diesen, der Holle entronnenen, unglücklichen Menschen verlangen könne, und was nicht; er wußte und mag es auch zum Teile an sich selbst erfahren haben, was es heiße, in eine neue religiöse Welt sich hineinfinden! Rabbi Saul hingegen war geboren in Venedig, hat also nie das Marränenleben zu kosten bekommen und hat es nie aus eigener Anschauung kennen gelernt; er kannte darum nicht so genau die Vergangenheit seiner Gemeindemitglieder und konnte sich in ihre Lage unmöglich so hineindenken, wie sein College Rabbi Menasse; darum entfaltete er auch wahrscheinlich mehr Strenge in seiner Amtsführung, als Rabbi Menasse. Die Bannbulle gegen Spinoza trägt das Datum des 6. Ab 5416, entsprechend dem 27. Juli 1656, also einer Zeit, wo Rabbi Menasse ben Israel