Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1883)
- Date
- 1883-04-01
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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77 siebenklassigen „Talmud-Thora", wo in sämmtlichen hebräischen Fächern, vom Lesen bis zu den höheren Talmudstudien, Unterricht erteilt wurde, lehrte er selbst einige Stunden täglich. Um die Bibelkenntnis in seiner Gemeinde zu verbreiten, gab er die Thora mit einem leichtfaßlichen spanischen Commentar heraus; um sie ferner auch mit der praktischen Gesetzeskenntnis für das jüdisch-religiöse Leben vertraut zu machen, schrieb er in spanischer Sprache seinen fünfteiligen Thesaurus sämmtlicher Vorschriften und Satzungen des Judentums (Tbesoro äl)8 Dimm) 1645—1647, der von den Pflichten des jüdischen Weibes, von den Ehegesetzen abhandelt; den er, wie er sich ausdrückt, „den sehr edlen und gelehrten Damen der portugiesischen Nation" gewidmet hat. Es ist dies immerhin merkwürdig und gewiß der erste Fall, daß ein Rabbiner sein Werk den Damen widmete; aber es war dies ein sehr kluger, wolberechneter und tief religiöser Gedanke von ihm. Er wollte dadurch auch das weibliche Geschlecht in das religiöse Streben hineinziehen. Endlich verfaßte er zur Hebung des jüdischen Geistes, zur Erwärmung des jüdischen Herzens und zur Förderung gläubigen Sinnes sein großes hebräisches Werk: Nischmath Chajim 1651, das vom wahren Ziele des Menschen, seinem Wesen und seinem Verhältnisse zu Gott abhandelt. So strebte er, das Judentum in seiner aus der religiösen Gefangenschaft erlösten Gemeinde wiederherzustellen und zu befestigen. Von dieser Seite betrachtet, möchte ich ihn darum kühn den Esra des 17. Jahrhunderts oder den Esra der Amsterdamer Portugiesengemeinde nennen. So haben wir denn durch diese kurze Würdigung seiner so überaus fruchtbaren wissenschaftlichen Tätigkeit, die ein glänzendes Zeugnis von seinem reichen Geiste ablegt, Rabbi Menasse ben Israel als hervorragenden Gelehrten seiner Zeit kennen gelernt; betrachten wir ihn jetzt als unermüdlichen, aufopfernden Vorkämpfer des gesellschaftlichen Wohles, der Freiheit, der bürgerlichen Gleichstellung seiner Glaubensgenossen. Doch ehe wir uns diesem Glanzpunkte seiner öffentlichen Wirksamkeit zuwenden, will ich auf einen Nebenumstand in seinem Leben eingehen, der bisher nach meiner Ansicht, sowol von den Biographen als von den Geschichtsschreibern, mißverstanden und falsch ausgelegt wurde. Die Richtigstellung dieses Punktes erscheint mir darum wichtig, weil erst dadurch die edle, hochherzige Gesinnungs- und Handlungsweise Rabbi Menasse's ben Israel sich im schönsten, reinsten Lichte kundgiebt; wie es von einem Manne zu erwarten ist, der überall als Verfechter und Vertheidiger seiner Glaubensgenossen auftritt. Es wird nämlich eines Zerwürfnisses Erwähnung gethan, das zwischen ihm und dem gleichzeitigen Rabbiner des Beth-Jakob-Tempels, Saul Morteira, entstand, und werden diesem Zerwürfnis, ohne jeden Nachweis und ohne jede Prüfung persönliche Motive zu Grunde gelegt. Ich konnte und wollte mich ohne zwingende Gründe zu einer solchen Verdunkelung des reinen Charakters Rabbi Menasse's ben Israel nicht entschließen. Für mich liegt vielmehr der Grund dieses Zerwürfnisses ganz anderswo und viel tiefer. Durch das über ein Jahrhundert lange öffentliche Leben im Christentume hatten sich gewiß manche nichtjüdische Sitten und Gebräuche bei den marranischen Familien, ohne daß sie es merkten, gleichsam unbewußt, eingebürgert; durch die ausschließlich nichtjüdische Umgebung hat auch ihr gesellschaftliches Leben ganz bestimmt, ohne daß sie es wollten, zum Teil ein nichtjüdisches Gepräge angenommen. Natürlich machte die Macht der mehr als hundertjährigen