Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-03-01 · Heft 3 (1.3.1883) · p. Seite 66

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 3 (1.3.1883)
Date
1883-03-01
Page
Seite 66 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2969669-2969698-2969702--0692-2971122
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

66 nicht in's Wasser gehen. Der Christ wurde hierdurch ärgerlich, kehrte zu seinem Herrn zurück und erzählte demselben Folgendes: Ich habe einen Juden gesehen, der einen kleinen von den Juden ermordeten Knaben in's Wasser geworfen hat, und da fürchtete ich mich, er möchte auch mich umbringen, und auch das Pferd entsetzte sich vor dem Geräusch des Wassers; dies komme ich dir mitzuteilen. In Blois aber lebte eine Jüdin, ein biederes Weib, Namens Pulcelliua, von welcher jener wußte, daß sein Herr sie seit geraumer Zeit haßte. Am folgenden Tage setzte er sich auf sein Pferd und begab sich zu dem Grafen der Stadt — es war dies Graf Tebaud, lat. Theobalde Blesensis genannt — einem nichtswürdigen Menschen und erzählte ihm jene Angelegenheit, worauf dieser sehr ergrimmte und alle Juden, deren ungefähr 40 sich daselbst befanden, ergreifen und in's Gefängnis werfen ließ. Pulcellina flößte ihnen jedoch Mut ein, da sie dem Grafen vertraute, der ihr geneigt war, weil sie ein biederes Weib war, indes sie richtete nichts aus, da seine Gattin ihn durch vieles Gerede verleitete und gegen die Juden allerlei Anklagen vorbrachte, so daß jene Frau in seinen Augen keine Gunst fand und er sie sogar in seinem Herzen sehr haßte. Er befahl hierauf den Wachen, der Pulcellina nicht zu gestatten, zu ihm hineinzukommen, um ihn zu sprechen; sie war nämlich die einzige, welche nicht in's Gefängnis geworfen worden war. Er trachtete alsdann darnach, die Schuld auf die Juden zu wälzen konnte es aber nicht durchsetzen, denn es fanden sich keine Zeugen für diese Schändlichkeit, deren man sie beschuldigt hatte, bis ein Mönch kam und zu ihm sprach: „Ich will dir einen Rath geben, Herr, was du zu thun hast, um die Sache an's Licht zu bringen, nur nimm von ihnen kein Sühnegeld. Lasse nämlich den Diener, der die Sache mit angesehen, kommen und in einen Wasserbehälter steigen, der mit Wasser gefüllt ist, mit welchem die Mönche sich besprengen; wenn nun seine Aussagen richtig sind, so wird er auf der Oberfläche des Wassers schwimmen, wo nicht, so wird er untersinken. Dies fand in den Augen des Landesherrn Beifall und er that also. Hierauf holten sie den Diener herbei, ließen ihn auf dem Wasser schwimmen und zogen ihn herauf, gaben Recht dem Schuldigen und sprachen schuldig den Unschuldigen, und die ganze Welt war damals in Bewegung. Sodann schickte der Graf einen Juden, um bei ihnen anzufragen, welche Summe sie wohl für sich als Sühnegeld erlegen würden, damit sie am Leben blieben? Jene beriethen sich und erklärten, ihn: hundert Livres geben und ihre Schuldsorderungen abtreten zu wollen, die etwa 180 Livres betrugen. Während sie dies aber noch besprachen, trat der Bischof ihnen hindernd entgegen und sprach zu dem Grafen: Kehre dich nicht an ihr Geschenk und er wendete seinen Sinn, so daß er auf ihre Stimme nicht hörte. Auf Befehl des Tyrannen brachte man sie in ein hölzernes Haus, welches mau mit Holz und Reisern rings herum umgab, und nachdem man sie in's Freie hinausgelassen, rief man ihnen zu: Erhaltet euch und werdet wie wir, dann sollt ihr leben und nicht sterben. Als jene aber von ihrem Gotte nicht «blassen wollten, züchtigten und quälten sie dieselben, um zu sehen, ob sie sie vieleicht von dem Herrn, dem Gotte Israels, würden abbringen können. Jene aber weigerten sich und sprachen zu einander: Wir wollen mutig und stark sein für unfern Gott, denn wir sind sein Volk und die Heerde seiner Weide; möge der Herr was ihm recht scheint thun, denn außer ihm giebt es keinen Gott. Auf Befehl des Tyrannen ergriffen sie den R. Jechiel ben David und R. Jekuthiel ven Jehuda, beide aus dem Priestergeschlechte und Schüler des R. Samuel und auch den R. Jehuda ben Ahron, banden sie mit Stricken und zündeten das Holz an. Als nun das Feuer die Stricke um ihre

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.