Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1883)
- Date
- 1883-03-01
- Page
- Seite 65 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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65 gewürgt und hingeschlachtet wurden, so war diese Tiranei und Bestialität nichts anderes als eine natürliche Folge des wilden Fanatismus, des Aberglaubens und der crassen Unwissenheit der damaligen Völker, wenn aber sogenannte Culturmenschen gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts die Unverschämtheit besitzen, das alberne, lügenhafte Märchen vom Gebrauche des Christenblutes als Vorwand zu gebrauchen, um hierdurch eine Judenhetze in Szene setzen zu können, obgleich jeder nur halbwegs gebildete Mensch es wissen muß, daß die jüdische Religion ihren Bekennern nicht nur den Genuß des menschlichen, sondern auch des tierischen Blutes auf das entschiedenste verbietet, so wäre man versucht, diese von der Kultur beleckten Menschen nicht für die edleren, sondern für die niedrigsten und gefährlichsten Geschöpfe in der Natur zu betrachten, denn nichts kann der menschlichen Gesellschaft gefährlicher werden, als ein gebildetes Hab- und genußsüchtiges Proletariat. Ein Blick auf die Geschichte genügt, um uns zu beweisen, daß nur durch lügen- und märchenhafte Gerüchte, die von fanatischen, habsüchtigen und raubgierigen Menschen colportiert wurden, in früheren Jahrhunderten so viele grauenhafte haarstreubende Entsetzen erregende Blntscenen, die selbst die ausschweifendste Phantasie des Dichters nicht greller zu schildern vermag, hervorgerufen worden sind. Wir wollen daher mit dieser Schrift nichts anderes bezwecken, als durch die von uns gesammelten und hier angeführten historischen Daten Nachweisen, wie viel jüdisches Blut das in Rede stehende Märchen bereits gekostet hat, und die Antisemiten (Amaleks) unserer modernen Zeit auf die gefährlichen Folgen ihrer unlauteren, unwürdigen Intoleranz, Neid, Haß und Lieblosigkeit verbreitenden Bestrebungen aufmerksam zu machen. I. Im zwölften Jahrhundert. Im siebenten Decenium des zwölften Jahrhunderts wurde in Frankreich von blutgierigen und raubsüchtigen Unholden zum ersten Male das unsinnige märchenhafte Gerücht verbreitet, daß die Juden am Passahfeste Christenblut benötigen, um ihren diesbezüglichen religiösen Gesetzen entsprechen zu können. Im Jahre 1171 wurde die jüdische Gemeinde in Blois, die aus ungefähr 40 Mitgliedern bestand, schonungslos hingeschlachtet, weil ein Christ aus Haß das Märchen verbreitete ein Jude hätte einen erschlagenen Christenknaben in's Wasser geworfen. Der Geschichtsschreiber Joses ha Cohen teilt hierüber Folgendes mit: „Es geschah im Jahre 1171, da ging ein Jude zur Abendzeit sein Pferd zu tränken und traf daselbst einen Christen, der ebenfalls dorthin gegangen >var. Der Jude geriet in Furcht und erschrack, und es entglitt seinem Busen das Ende eines Felles, welches er unter seinen Kleidern trug. Als das Pferd des Christen dies im Dunkeln sah, fürchtete es sich ebenfalls, wich zurück und wollte einem Pinsel Blut an jene Objekte getupft hätte. Beim ersten Anblick scheinen die Flecken trocken, beim Berühren geben sie aber einen intensiv rothen Saft; unter dem Mikroskope erscheinen sie als dicht aneinanderstehende runde Körnchen von pflanzlicher Natur re. Also den wunderbaren Blutflüssen geweihte Hostien hat das Mikroskop, wie schon manch anderen Wundererscheinungen, glücklich für alle kommende Zeiten ein Ende geinacht! Zu bedauern ist nur, daß Herr Professor Bing nicht schon im 12 Jahrhundert gelebt hat, es wäre da viel gottseliges Morden und Blutvergießen der Welt und der heil, liebevollen Mutterkirche erspart geblieben, das die blutenden Hostien auf dem Gewissen haben" (Neuz. 1873, Nr. 4.) Auch Ehrenborg und Sette haben es haarklein nachgewiesen, daß die Monas prodigiosa einzig und allein es war, um derentwillen so viel unschuldiges Blut vergossen wurde. 6