Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1883)
- Date
- 1883-03-01
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
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52 als Sklaven verkauften, und deren Synagogen sie in Kirchen verwandelten. Damit war das Zeichen für Spanien gegeben. Von hier aus wälzte sich der Massenmord wie ein verheerender Strom aber die jüdischen Gemeinden Spaniens. Die Gemeinden zu Kordova, Toledo, Valencia, Barcelona und noch andere, im Ganzen ungefähr 70 Gemeinden, verfielen demselben traurigen Lose wie die Sevillaner Gemeinde. Tausende suchten durch die Flucht nach dem benachbarten Portugal, nach Nordafrika, später auch nach Italien und der Türkei, dem Blutbade zu entrinnen; Tausende suchten wiederum in ihrer verzweifelnden Todesangst durch den Enlpfang der Taufe aus blutbefleckter Mörderhand ihr Leben zu retten. Doch im Herzen Miefen diese Zwangstäuflinge treu ihrem mit dem Blute tausender ihrer Angehörigen besiegelten Väterglauben. Man konnte ihnen wol das Kreuz in die Hand drücken, auch das Angesicht mit Taufwasser besprengen, aber ihr Herz fomtte man nicht dem aufgedrungenen Glauben öffnen. Hier wurzelte nach wie vor tief, ja, vielleicht noch tiefer als vorher, die innigste Liebe zum heiligen Sinaiglauben und seiner Lehre. Sie übten im Verborgenen alle jüdischen Gebräuche wie vorher und fühlten sich auch jetzt noch mit ihren auch äußerlich treugebliebeuen Glaubensgenossen durch die Bande gleicher Gefühle und gleicher Gedanken auf das engste und innigste verknüpft; sie verkehrten mit ihnen, unterstützten sie auf alle mögliche Weise, während sie sich von ihren neuen, scheinbaren Glaubensgenossen, so viel nur möglich, fernhielten. Diese unglücklichen Zwangstäuflinge, die in den hebräischen Geschichtsquellen den entsprechenden hebräischen Namen: „Amisim“ führen, wurden von der altchristlichen Bevölkerung „Marranos" genannt, was nach der allgemeinen Annahme: die Verdammten, die Verfluchten, bedeutet. *) *) Marranos leiten die spanisch-portugiesischen Geschichtsforscher von dem in einem Apostelbrief (1. Cor. 16, 22) vorkommenden: Maranatha ab. Dort heißt es nämlich: Werden Stifter des Bundes nicht liebe, der sei anathema und maranatha, welches letztere Wort die syrische Uebersetzung durch rnaran atha „der Herr kommt," wiedergibt. Man habe also, meinen sie, den Zwangstäuflingen, bei welchen allerdings keine Liebe zu dem ihnen aufgezwungenen Christentum zu bemerken war, den Schimpfnamen „Marranos" beigelegt, und wollte sie damit als Solche hinstellen, die an die erfolgte Ankunft des Messias nicht glauben. Das wäre lucus a non lucenclo! Hugo Grotins, der gelehrte Theologe, Philosoph und Historiker, Zeitgenosse und Verehrer Mettasses b. I., sieht in „Marau-atha" eine Bedrohungs- und Fluchformel, die so viel bedeute, als wenn mall sage: dich müsse das größte Unglück und die äußerste Strenge der göttlichen Gerichte treffen: der Herr müsse geschwind kommen, um deine Verbrechen zu rächen. (Grotins, in 1. Cor. 16, 22.) Vgl. Broug'thons „Historisches Lexiken aller Religionen," T. II. Col. 363-64, Wer denkt hierbei nicht an Gideons Name „Jerubaal!" Grätz, Gesch. d. I., B. 8, S. 80-81, Anm. 3, hält die Ableitung des Wortes von „Maranatha" für richtig, meint aber, das Wort „Maranatha" selbst sei durch die „gedankenlose" Wiedergabe in der syrischen Uebersetzung falsch aufgefaßt worden. „Maranatha," meint er, sei eine ,,Corrnption" des „neuhebräischen" maehram-at oder der chaldüischen Form macharamt „du bist gebannt," und entspreche sodann dem ihm vorangehenden: Anathema. Daß es aber in der Bedeutung „die Verfluchten" gebraucht wurde, darüber sind Alle einig. Dürfte man jedoch den Ursprung des Wortes überhaupt im semitischen Sprachstamm suchen — ohne es erst von „Maranatha" her leiten zu müssen — so würde ich die Vermuthung auszusprechen wagen, daß „Marranos" vielleicht aus dem hebräischen „Mammrim," „Abtrünnige" und „Anussim," „Zw^ngstäusiinge^ entstanden und davon herznleiten sei. Und zwar mag man damals diese Unglücklichen zum Theile „Anussim," zum Theile aber auch vielleicht auf' beiden Seiten „Mammrim" genannt haben: Die alten Glaubensgenossen wegen ihres öffentlichen äußern Abfalles vom Judentum, und die neuen Glaubensgenossen wegen ihrer g e h e i m e n i rt n e r n Abneigung gegen das C h r i st e n t u m; und man wollte damit ausdrücken, daß sie weder Inden noch Christen seien. Vgl. Isak Karows Worte in seinem „Toledoth Jizchak," S. 127 a., wornach „Marranos" eine Contraction aus „Mammrim" und „Anussim" wäre.