Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1883)
- Date
- 1883-02-01
- Page
- Seite 39 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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39 gegen alles philosophisch-freie Denken geübt wurde. Denn vor diesem fürchtete man für die Herrschaft des blinden Glaubens. Und in der That hatte sich zum Nachteil der christlichen Glaubensherrschaft die Denkfreiheit bereits vieler Köpfe und Gemüter bemächtigt. Besonders waren es die gelehrten Juden Spaniens, von denen Maimonides einer der vorzüglichsten war, deren Werke hierfür studiert wurden. Daher der Kanipf der Kirche gegen die gelehrten Juden insbesondere und gegen die Juden überhaupt. Ganz ähnlich, wie man heute die Kalamitäten des Handels auf die Schuld der Juden schiebt, da sie an dem Handel beteiligt sind, gerade so verfolgte man ehemals die Juden wegen der Kalamitäten der Kirche, da damals auch Juden unter den Denkern und Philosophen waren. Die Juden unterlagen dem Zwange der Christen, und so giengen sie selbst darauf ein, die Schriften des Maimonides zu verpönen und zu verbrennen. Ist es doch auch heute wieder so, daß man die Abnahme der religiösen Gesinnung und des kirchlichen Lebens bei den Christen dem Einfluß der freireligiösen Richtung der Juden Schuld giebt. Man möchte gerne christlicherseits die Juden von allem Streben nach Bildung fern halten und wieder in die Finsternis des inittelalterlichen Drucks, des politischen wie kirchlichen zurückversetzen. In gleicher Weise wie mit Maimonides verhielt es sich mit Spinoza. Auch dieser jüdische Denker erschien der christlichen Kirche gefährlich. Die Kirche hatte nämlich ein Surrogat an die Stelle des freien Denkens gesetzt, die Scholastik, welche nur nominell und dem Scheine nach Philosophie war, inhaltlich und dem Wesen nach aber den vorgeschriebenen Glauben und die mystische Dogmatik festhielt und lehrte. Schon Cartesius, Spinoza's Vorgänger, war dagegen aufgetreten; er wurde aber gezwungen zu widerrufen. Auch gegen Spinoza wandte sich der Zwang der Kirche; umsonst, er widerrief nicht. Da übte man Pression auf die Rabbiner der Gemeinde, um Spinoza, dessen Philosophie auch der Synagoge gefährlich sei, in den Bann zu thun. Die Rabbiner glaubten im Weigerungsfälle den Bestand der Gemeinde gefährdet und gaben nach. Spinoza wurde schuldlos aus der Synagoge gestoßen. Daß seine Lehre in Wirklichkeit der Synagoge nicht widersprach und nur der Zwang der Kirche es war, dem die Rabbiner unterlagen, geht aus der Wiederholung eines ähnlichen Vorgangs hervor, welcher sich einige Jahrzehnte später ebenfalls vor den Rabbinern Amsterdams, freilich vor anderen Persönlichkeiten, abspielte. David Nito, ein jüdischer Gelehrter und Rabbiner, war es, welcher vor den Rabbinern Amsterdams, wie Spinoza, des Pantheismus angeklagt war. Er wurde freigesprochen, mit der ausdrücklichen Hervorhebung, daß die Erkenntnis Gottes aus der Natur, oder, wie der Pantheismus lehrt, die Erkenntnis des göttlichen Seins und Wirkens in der Natur, durchaus nicht dem Judentum widerspreche, sondern sogar die Bibel zur Vorgängerin und zum Vorbilde habe. Auch das traditionelle Judentum leugnet diese Verwandtschaft mit Spinoza nicht, indem da Gott sehr häufig mit der Natur und dem Weltall gleichsam indentifieiert, oder doch mit dem dafür üblichen Namen „Hamakom" („der Raum," d. i. das Weltall) bezeichnet wirb. Es ist das freilich zunächst eine kabbalistische Begriffsbezeichnung, aber durchaus im Judentum nicht blos eine begriffliche Bezeichnung für den philosophischen Denker, sondern sie gieng in das Leben der Juden und in die Gebetsprache der Synagoge über. Wir finden da sehr häufig den Ausdruck: „Baruch Hamakom" („Gelobt sei Gott"). Auch die in der Bibel übliche Bezeichnung Gottes mit „Jhwh", gewöhnlich „Jehovah" ausgesprochen, fast ganz wie Spinoza Gott als „den ewig Seienden" oder das „Sein an sich" (ens) auf. Alzey, 24. November 1882. Dr. Rothschild.