Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1883)
- Date
- 1883-02-01
- Page
- Seite 38 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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— 38 — Idee bildet also hier die Vermittelung zwischen Gott und der Materie. Daß dies eine genügende Erklärung sei, soll nicht behauptet werden. Die Erklärung hierfür ist aber überhaupt dem Menschengeiste weder erfindlich noch faßbar. Indes mit der Bibel stimmt Spinoza auch hier wieder überein, welche berichtet: „Gott sprach, und es ward." Auch die nachbiblische Gnostik und Mystik hat, um eine Versinnlichung Gottes zu verhüten und die Entfernung seiner Erhabenheit von dem niedrigen Erdenstoffe zu bewirken, das „Wort", die „Eigenschaften", „Kräfte" und „Ideen" Gottes als Mitglieder zwischen Gott und seine Erdenschöpfung, wie auch zwischen Gott und seine Erdenwaltung geschoben. Man sprach nicht mehr von Gott, sondern von seinen! „Wort", seiner „Weisheit." Der alexandrinische Neuplatonismns hat die Begriffe hypostasiert und personifieiert. So sind aus diesen Begriffen persönliche Engel, Geister, Dämonen entstanden, und für das Christentum wurde so der Gott gleiche und neben ihm wirkende „Sohn" geschaffen. Ueberall erkennen wir demnach, daß Spinoza seine Wurzel im Judentum hat. Wie konnte man ihn demnach jüdischer Seits bannen, ihn des Pantheismus und Atheismus anklagen und aus dem Judentum ausschließen? Im Judentum sind abweichende Lehrmeinungen nie verfolgt worden; ja es hat eine Meinungsverschiedenheit über die Grundsätze der Religion nie bestanden, da sich über das Bewußtsein vom Dasein eines einheitlichen Gottes nicht streiten läßt. Es ist deshalb auch ausdrücklich ausgesprochen, so lange Jemand diesen Grundsatz nicht leugnet, gehört er dem Judentum an. Dies ist religiöse Toleranz auf breitester Grundlage. Aber nicht blos principiell bestand dieser Grundsatz, es wurde auch faktisch daran festgehalten. Die Geschichte weist kein Beispiel von religiöser Verfolgung auf. Pharisäer und Saddncäer entwickelten ihre Lehrmeinungeu ungestört neben einander; ebenso störten sich später die verschiedenen und selbst oppositionellen jüdischen Schulen nicht. Selbst die Hellenisten ließ man ungestört, und erst als aus politischen Gründen diese in Vereinigung mit der hellenistischen Staatsregierung gegen den Gottesdienst und das religiöse Leben der Juden Gewalt gebrauchten, erhoben sich die traditionellen Juden zur Verteidigung ihres religiösen Erbes. Die Makkabäer, welche diesen Verteidigungskrieg führten, waren zufrieden mit der Wiederherstellung der religiösen Freiheit, aber sie verfolgten nach dem Siege ihre unterliegenden Gegner nicht. Jesus, der Stifter der christlichen Religion, lebte ungestört unter den Juden; die von ihm angeregte Bewegung brachte ihn indes bei den damals in Palästina herrschenden Römern in politischen Verdacht, und deshalb ivurde er von diesen, nicht von den Juden, aus politischen, nicht aus religiösen Gründen verfolgt. Später galten sogar die Christen bei den Römern als Juden, und die Feindschaft zwischen Juden und Christen ging von diesen, nicht von jenen aus. Erst Maimvnides, der im 13. Jahrhundert lebte, erfuhr die erste Anfeindung unter einem Teile der Juden, aber nicht seiner religiösen, sondern seiner philosophischen Richtung wegen. Indes selbst diese wäre von den Inden nicht angefeindet worden, wie Maimvnides ja auch später nicht trotz, sondern geradezu wegen seiner Philosophie bei allen Juden der verschiedensten Richtungen und Zeiten als hochverehrter Rabbi und Meister galt und noch gilt, ivenu die Anregung dazu nicht von fremder, christlich-orthodoxer Seite gegeben worden wäre. Jedoch machte sich die Verfolgung des Maimvnides nicht gegen seine Person, und bei seinen Lebzeiten, sondern erst nach seinem Tode gegen seine Schriften geltend. Wohl waren bei dieser Anfeindung seiner Schriften Juden mit beteiligt, aber diese unterlagen dem Zwange, welcher von christlich-klerikaler Seite