Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1883)
- Date
- 1883-02-01
- Page
- Seite 36 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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36 Vielgötterei den Himmel entvölkerte und ausschließlich dem Einen Gotte als Eigentum zuwies, sondern die gleichzeitig damit verbundene Lehre von der einheitlichen Waltung Gottes stellt das Vorhandensein und Wirken Gottes, seines Willens und seiner Kraft in allen Dingen der Welt, in dem Naturwie Menschenleben. Dasselbe lehrt Spinoza. Das Judentum lehrt dies auf dem Wege der Offenbarung für die Religion, Spinoza auf dem Wege der Forschung für die Philosophie Auch Spinoza nimmt eine monistische Urkraft an, die er Substanz, Wesen nennt, und die ihm Gott der Schöpfer ist. Von dieser einen monistischen Urkraft, also von Gott, geht die Schöpfung aus. Gott faßt die Idee und verwirklicht sie. Spinoza drückt das philosophisch so aus: Gott hat die Eigenschaft des Denkens und der Ausdehnung. Mit der einen will er sagen: Gott faßt den Gedanken, den Plan, die Idee zur Schöpfung eines Dings, mit der andern: Gott realisiert, verwirklicht diesen Gedanken und Plan, läßt die Idee in die sinnlich - wahrnehmbare Erscheinung treten, — er schafft, und zwar aus dem Nichts heraus. Offenbar wird hier nichts Anderes ausgedrückt, — als was die Bibel in den Worten ausdrückt: Gott sprach, und es wird, oder: „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde/' Spinoza schöpft aus dem Judentum. Die Bibel ist sein Grundbuch, die jüdisch-spanische Philosophie, besonders Maimonides und Creskas sind seine Lehrer; da ist eine Verwandtschaft undUebereinstimmung der Lehren und Lehrer nicht auffällig. In derselben Weise, wie das Judentum mit seiner monotheistischen Lehre dem Polytheismus, so tritt Spinoza mit seiner monistischen Philosophie dem Dualismus des Heidentums entgegen. Ich sage: des Heidentums; in gleicher Weise beherrscht aber auch der Dualismus noch die religiöse und vielfach sogar die wissenschaftliche Anschauung unserer Welt. Es kommt dies daher, weil das Christentum, obwohl in dem Monotheismus des Judentums wurzelnd, doch auch wieder bei der Berührung mit den Völkern, denen die jüdische Lehre von der Einheit Gottes und die jüdische Sittenlehre verkündet werden sollte, auch Elemente der heidnischen Religionsanschauungen und heidnischen Lebenssitten in sich aufnahm. So blieb denn auch wieder mit der Herrschaft des Christentums der heidnische Dualismus in Geltung. Man unterschied Gott mtb Welt, Kraft und Stoff, Himmel und Erde, Diesseits und Jenseits, Paradies und Hölle, gute und böse Götter, Gott und Teufel. Es treten diese Gegensätze zwar zum Teil auch im Judentum auf, aber sie beruhen nieist auf vererbten Anschauungen, die auch wir im Leben trotz bessern Wissens beibehalten. So reden wir beispielsweise vom Auf- und Niedergang der Sonne, obgleich wir wissen, das; es einen solchen eigentlich nicht giebt. Moses aber bricht wesentlich so sehr mit diesen dualistischen Gegensätzen, daß er deshalb sogar vermeidet, von einem Jenseits zu sprechen, ohne daß er doch das Vorhandensein der göttlichen Seele und darum auch deren Ewigkeit leugnet. Die alte heidnische Philosophie huldigte vollständig dem dualistischen Prinzipe, wenn sie die Entstehung der Welt so erklärte, daß Gott den Stoff vorgefunden habe, aus welchem er die Welt mit allen ihren Wesen formte. Die Bibel, auf monotheister Grundlage ruhend, erklärt die Welt als von Gott aus Nichts geschaffen, aus ihm und durch ihn hervorgegangeu; Gott und Welt sind also monistisch, d. h. einheitlich gedacht, aber doch als real verschieden. In gleicher Weise denkt Spinoza sich Gott mit den zwei Attributen des Denkens und der Ausdehnung, und erklärt die Entstehung der Welt so, daß Gott die Idee faßt und mit der Kraft versieht, in die sinnliche Erscheinung zu treten. So entstehen ihm die Dinge der Welt» also ebenfalls ganz monotheistisch in