Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1883)
- Date
- 1883-02-01
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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35 matton und ihrer Vorbereitungen durch eine dunkle Glaubensmystik zu paralysieren suchte und in deren Nachahmung auch ans jüdischem Gebiete eine die freidenkende Forschung untergrabende kabbalistische Richtung und eine das Leben überwuchernde religiöse Casuistik die Herrschaft übte. Auch er wurde verbannt und mit dem Tode bedroht. Die christliche Geistlichkeit gieng voran, und die jüdische leistete Heeresfolge. Spinoza schaffte diese Befreiung von der einengenden Beschränkung des Denkens aber nicht blos den Religionen, oder gar speciell der einen von ihnen, dem Juden- oder Christentum. Der von der Religion geübte beengende Einfluß mag ihn mit veranlaßt haben, weil er ihn mit bedrückte. Er gieng vielmehr unabhängig von den Religionen und unbekümmert um ihre Anforderungen seine eigenen Wege des Denkens; die Resultate desselben gehören darum der ganzen Welt. Die Anerkennung, welche Spinoza dafür erfahren, die Huldigungen, welche man ihm bringt, gehen von der ganzen Welt aus, sind ein welthistorisches Ereignis. Spinoza war Jude, aber die ganze denkende Welt nennt ihn den Ihrigen. Indes auch hierin weicht er vom Wesen und der Geschichte des Judentums nicht ab. Auch der Charakter dieser Religion ist universell, denn sie beruht auf allgemeiner Wahrheit und ist bestimmt, Weltreligion zu werden. Ihre besten Söhne und Anhänger sorgen und sind thätig dafür. Auch darin teilt Spinoza das Geschick des Judentums, seiner angestammten Religion. Er litt lange unter Verkennung und Verfolgung; langsam, aber sicher wenden sich ihm die besten Geister aller Völker zu. Die Wahrheit hat sich zu jeder Zeit nur langsam und allmählich Bahn gebrochen. und heute noch ist es nicht anders geworden. Nicht blos Könige wollen die Wahrheit nicht hören, noch viel weniger wollen es die Völker. Anfänglich wird sie gehaßt, ihre Träger werden verfolgt, alsdann sind nach und nach einige Anhänger gewonnen, deren Kreis sich allmählich und langsam erweitert. Es dauert oft und sogar in der Regel sehr lange, bis die Menge und Masse des Volks die Wahrheit anerkennt und Partei dafür ergreift. Bis sie Eigentum der Menschheit wird, darauf gehen oft Jahrhunderte und Jahrtausende. Um Jrrtümer und Vorurteile zu beseitigen und der Erkenntnis der Wahrheit zum Siege zu verhelfen, dafür sind Einzelnen und ganzen Völkern große Anstrengungen und Opfer, Duldungen und Kämpfe auferlegt worden; Stürme sind dafür über sie hingegangen, Kriege sind dafür geführt worden. Auch heute noch wird der Sieg der Wahrheit nur langsam mit Anstrengung und Kampf, unter Duldung und Opfern erfochten. So die Wahrheiten, welche die Religion offenbart, so diejenige, welche die Philosophie erforscht. So erklären sich die Duldungen und Kämpfe, welche dem Judentum für seinen Bestand und die Erhaltung seiner Lehre auferlegt tvorden sind von Anfang an bis heute. So begreifen wir das Geschick Spinoza's und seiner Lehre. Spinoza hatte zeitlebens unter den Verfolgungen seiner Gegner zu leiden; seine Lehre war lange vervehmt und ist bei Vielen, die sie nicht kennen oder mißverstehen, es heute noch. Nur allmählich mehren sich ihre Verehrer, nur wenige Auserwählte umstanden bei der Enthüllungsfeierlichkeit sein Denkmal. Nicht aber blos durch seine Geburt und sein Geschick ist Spinoza mit dem Judentum verwandt; er ist es auch durch seine Lehre. Spinoza's Lehre wird gewöhnlich dem Pantheismus und Atheismus gleich geachtet und ist doch von diesen ebensoweit entfernt, als der jüdische Monotheismus , dem sie verwandt ist, denn dieser hat auch nicht blos seine Bedeutung darin, daß die Lehre von der Einheit Gottes im Gegensätze zu der heidnischen