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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-02-01 · Heft 2 (1.2.1883) · p. Seite 30

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 2 (1.2.1883)
Date
1883-02-01
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
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30 den Versuch machen würde, z. B. aus den Sprüchen der Väter, die ja zu den ältesten Bestandteilen des Talmuds gehören, einen Talmudjuden zu construieren, da würde er sicherlich ein Menschenideal schaffen, das der allgemeinen Nachahmung würdig wäre. Wir wollen ebensowenig jede Talmudstelle,' wie jeden Juden in Schutz nemen, aber wenn man mit Vorurteil und Einseitigkeit den Kampf gegen den Talmud unternimmt, dann ist es durch Wissenschaft und Gerechtigkeit geboten, das wenigstens zu constatieren. Mit Anwendung der Rohling'schen Methode wäre es sogar unschwer, einen Bibeljuden zu zeichnen, der als ein Ausbund aller Abscheulichkeit erscheinen könnte. Will man Abraham als einen Eindringling, Jsak als einen Schwächling, Jakob,, als einen Betrüger, Josef als einen Kornwucherer hinstellen, was ja zum Ärger aller Gläubigen sogar von einem antisemitischen Volksredner geschehen ist, und so Alles hervorsuchen und zusammenstoppeln, was das alte Israel in Schatten zu stellen geeignet ist, dann werden sich leicht für Herrn Rohling Consequenzen ergeben, die ihm durchaus nicht so ganz gelegen wären. Meine Herren! Es hat sich herausgestellt, daß Rohlings Schrift nichts mehr als ein gewöhnliches unwürdiges Tendenz-Pamphlet ist und es würde sich gar nicht verlohnt haben, dieselbe zu erwähnen, wenn sie nicht eben eine so weite Verbreitung gefunden, eine solch' hochgradige Erregung hervorgerufen hätte. Ein anderes ist es mit einem neulich in Leipzig erschienenen Buche, betitelt: der Talmud, dessen Verfasser, Herr Daab, gleich auf der ersten Seite verspricht, „in der Beurteilung des Talmuds nach bestem Wissen und Gewissen ohne Rücksicht auf die eine oder die andere Parteistellung möglichst objectiv zu verfahren." Ein Kenner des Talmuds ist Herr Daab ebensowenig, als Herr Rohling, sonst könnte er nicht von einem „Tractat Mechilta" sprechen und Schemot rabba in das 12. Jahrhundert verweisen. Doch es ist ja möglich, daß Herr Daab als Laie auf diesem Gebiete sich ein Urteil zu bilden sucht,' und sein Material aus zweiter oder dritter Quelle sich verschafft hat — und wir wollen hier Nebensächliches nicht weiter verfolgen und mehr auf die Behauptungen und Ansichten eingehen, die in diesem Buche vorgetragen werden. Der Verfasser führt zunächst einige Stellen an, in denen das Verdienstliche der Beschäftigung mit der Thora (d. i. der schriftlichen und mündlichen Lehre) betont wird und koinmt nach einem Sprunge aus den alten babylonischen Akademien in die jezigeu polnischen Kinderschulen zu dem durch nichts begründeten Schluffe, daß der Talmud mit seiner Geringachtung der Propheten und seiner Überschäzung des Gesezesstudiums dem Reformjudentume den Weg gewiesen habe. Für die' Behauptung aber, daß der Talmud das Prophetentum geringschäze, läßt sich auch nicht der Schatten eines Beweises erbringen. JmGegenteile! Die Hagada ist voll von prophetischen Lichtfunken; daß Israel seine Propheten erschlagen und niishandelt habe, ist ein Vorwurf, den es ebenso von den Talmudisten anhören muß, wie er ihm in den Evangelien gemacht wird. Das Gesezeswesen wird allerdings im Talmud zu weit ausgesponnen, wie ja in jenen Zeiten das Judentum zum Zwecke seiner Einigung und Selbsterhaltung hinter den Bollwerken des Nomismus sich verschanzen mußte; daß aber das Reformjudentum darin den Weg des Talmuds wandte, zeigt, daß Herr Daab dasselbe nicht kennt. „Ja wenn Gott sich selbst muß majorisieren lassen, und das Studium des Gesezes ohne Rücksicht auf das Thun schon verdienstlich ist, können wir es da nicht verstehen," fragt Herr Daab, „daß Juden es mit dem sittlichen Thun nicht sehr genau nehmen?" Hätte Herr Daab ja nur den Tractat Edujot aufgeschlagen, dann hätte er dort ausdrück-

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