Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1883)
- Date
- 1883-02-01
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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29 rakter des uns persönlich auch nicht bekannten Mannes in keiner Weise nahe getreten werden. Wir wollen auch gar nicht daran zweifeln, daß derselbe im Allgemeinen ein gelehrter Theologe ist, da er sonst die Stellung nicht einnehmen würde, die er besitzt, aber wenn wir nach dem Tone und Inhalt dieser Schrift urteilen sollen, dann müssen wir sagen, daß ersterer ebenso die Wissenschaft entwürdigt, als letzterer Bedenken gegen die Wahrheitsliebe des Verfassers erweckt. Ein gewissenhafter Mann wird nie über einen Gegenstand urteilen, den er nicht zu beurteilen versteht und daß Herrn Prof. Rohling alle selbständige Kenntnis des talmudischen Schrifttums abgeht, ist ihm schon so oft dargethan worden, daß er es selbst kaum mehr bestreiten wird. Vielleicht bedauert er es selbst, daß ihm in der Hize der Leidenschaft manche Äußerung entfahren ist die er gerne zurücknehmen möchte, wenn das nur in aller Ruhe geschehen könnte. Bis jetzt hat Herr Rohling sich unbelehrbar gezeigt und trotz der Widerlegung, die seine Schrift selbst von christlicher Seite gefunden, sich nicht bewogen gefült, seine Meinung zu ändern, und es ist das auch in Zukunft kaum von ihm zu erwarten. Ohne auf die sattsam bekannten Jrrtümer seiner Angriffsschrift hier weiter einzugehen, wollen wir nur bemerken, daß es eine solche Phantasiefigur, wie sie Herr Rohling in seinem Pamphlete construirt, in Wirklichkeit nie gegeben hat und auch nicht geben kann, daß dieselbe eine leere Popanz, eine Ungeheuerlichkeit ist, die in das Reich der Erfindung gehört. Ist es denn möglich, daß jemand ein Talmudjude ist, strikte nach dem Talmud lebt? Feste Normen, abgeschlossene Geseze, Vorschriften mit bestimmtem, klarem Wortlaute, die man so wie sie lauten geradehin befolgen kann, giebt es ja im Talmud fast gar nicht. Wird irgend ein Thema in demselben besprochen, so hat man gewöhnlich sofort getheilte Meinungen vor sich. Diese werden discutirt. Es werden Beweise und Gegenbeweise, Fragen und Gegenfragen übereinandergetürmt. Den Amoräern (Erklärern der Mischna) sind oft schon Sinn und Beziehung der in Mischnas und Boraitas tradirten Lehrsäze nicht klar, die Schüler wissen nicht mehr genau, wie die Aussprüche der Lehrer gelautet haben und zu verstehen waren, dann hat wieder jeder Kommentator seine besondere Auffassung und so ist eigentlich der Talmud ein unfertiges Werk, an und für sich gar nicht geeignet, in unmittelbarer Weise das praktisch-religiöse Leben zu regeln. Jeder Talmudjude müßte denmach eine andere Fa?vn haben und es wäre dann unerlaubt, alle Talmudjuden über einen Leisten spannen zu wollen. Weiter hat Herr Rohling sein Bild eines Talmudjuden mit den düstersten Farben gemalt oder, um mit Professor Delitzsch zu sprechen, allen Kehricht, der in verborgenen Winkeln der rabbinischen Literatur sich vorfindet, aufgelesen, um daraus einen Juden zu fabrizieren, der ein wahres Schreckbild für die übrigen Menschen ist. Wenn Herr Rohling wirklich ein Kenner des Talmuds und zugleich ein gewissenhafter Mann ist, dann hätte es ihm nicht unbekannt sein können und er hätte es nicht unerwähnt lassen dürfen, daß im Talmud zahlreiche Lehrsprüche vorhanden sind, die zu inniger Herzensfrömmigkeit und Gottergebenheit, zur Demut und Genügsamkeit, zur Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, zur allgemeinen Menschenliebe und opferfreudigen Duldertreue, zu stetem Forschen in der ewigen göttlichen Heileslehre lind zu unausgesetzter Bekämpfung der bösen Triebe und Leidenschaften uns auffordern. Einem wahren ehrlichen Talmudjuden werden diese Mahnungen noch höher stehen, als eeremonielle Vorschriften, auf deren Übung allerdings im Talmud viel Gewicht gelegt wird, und falsche Talmudjuden, die es in ihrer Art Herrn Rohling gleichthun, nämlich alles, was ihnen nicht in ihren Kram paßt, unbeachtet lassen, werden auch von uns, ja sogar von den Talmudisten selbst bekämpft. Wenn Herr Rohling