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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-02-01 · Heft 2 (1.2.1883) · p. Seite 28

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 2 (1.2.1883)
Date
1883-02-01
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
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28 daß der Verfasser sich manche Verstöße zu Schulden kommen ließ, an denen zu erkennen ist, daß er beim Lesen rabbinischer Texte eine gewisse Unsicherheit nie los geworden war; es bleibt aber dennoch eine meisterhafte Leistung, die nie völlig veralten kann und die Bewunderung aller Zeitalter verdient. In Vitringa's Forschungen über die alten synagogalen Einrichtungen der Juden (de synagoga vetere) und Seldens Untersuchungen über das jüdische Eherecht und über das Gerichtswesen der Juden ist ein stupendes talmudisches Wissen niedergelegt und, um eines aus Vielem herauszugreifen, würde die Abhandlung, die Rhenferdius über die Anzahl von Männern, welche nach jüdischtraditioneller Vorschrift zum öffentlichen synagogalen Gottesdienste gehören,geschrieben hat, heute noch jedem jüdischen Talmudgelehrten zur Ehre gereichen können. Auch hier ist in diesem Jahrhunderte ein starker, ich möchte sagen, radikaler Rückschritt zu verzeichnen. Selbst mittelmäßige Kenner der rabbinischen Literatur gehören in unseren Tagen in der christlichen Gelehrtenwelt zu den allerseltensten Ausnamen. Akademiker beziehen ihre talmudische Weisheit, wenn sie einmal solche nötig haben, von Eisenmenger, der Auszüge aus obscuren Büchern, die in jüdischen Kreisen fast unbeachtet geblieben sind, als „entdecktes Judentum" zum Besten giebt, und an den Universitäten wird, wenn einmal ein talmudisches Collegium angekündigt wird, auf einen allzugroßcn Andrang von Hörern kaum zu rechnen sein. Das Talmudstudium ist unmodern geworden, es hat auch gewissermaßen seine praktische Bedeutung verloren. Nichts destoweniger scheint in neuerer Zeit der Talmud selbst zuin Gegenstände einer Tagesfrage von eminent praktischer Bedeutung werden zu wollen. Schon seit langer Zeit ist von diesem Werke nicht so viel gesprochen worden, als gerade in der jüngsten Gegenwart. Unter Tausend Juden giebt es vielleicht keine hundert, die je einen Talmud gesehen haben, unter hundert keine zehn, die ihn lesen können, und von diesen zehn ist wiederum nur selten einer da, der auch wirklich ihn liest, und, wenn er dies schon thut, auch eine rechte Auffassung und ein klares Verständnis von dem Gelesenen besitzt; für den weitaus größten Teil der modernen Juden ist der Talmud schon vergessen und verschollen und dennoch sind sie nie so oft und so unliebsam an denselben erinnert worden, als in jetziger Zeit. In den ungarischen Dörfern unterhalten sich die Bauern über den Talmud, in Residenzstädten bildet er das Tagesgespräch. In Volksversammlungen wird über ihn hin und her raisoniert, massenhaft werden Flugschriften verteilt, in denen Säze desselben hervorgehoben und heruntergerissen werden, auch in Tagesblättern tauchen Artikel über ihn auf; er ist der Gegenstand der allgemeinen Beurteilung, der östentlichen Meinung geworden. So seltsam es uns erscheint, daß dieses Werk in einer Zeit, in der es so wenig gekannt ist, so viel besprochen wird, so ist es doch leicht erklärlich. Man will gegen den Talmud Stimmung machen, nicht weil man die feste Überzeugung gewonnen hat, daß er die Würdigung nicht verdiene, die ihm bisher noch zu Teil geworden, sondern weil man diejenigen, deren Vorfahren ihn verfaßt haben, damit herabsezen will. Den Talmud schlägt man und die Juden meint man. Bezeichnend dafür ist der Umstand, daß die Schrift, in der in den letzten Jahren zuerst der Kampf gegen den Talmud erneuert wurde, den Titel „der Talmudjude" hat. Dieser Titel giebt es unzweideutig zu verstehen, daß für den Verfasser derselben, den bekannten Professor Rohling, keineswegs ein akademisches oder literarisches Interesse maßgebend war, sondern daß wir es mit einer Tendenzschrift der schlimmsten Sorte zu thun haben, die am Wenigsten eines Mannes der Wissenschaft würdig ist. Es soll hier dem persönlichen Cha-

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