Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-01-01 · Heft 1 (1.1.1883) · p. Seite 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 1 (1.1.1883)
Date
1883-01-01
Page
Seite 23 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2969669-2969698-2969700--0647-2971075
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

23 Und soll das, Ihr theueren Angehörigen unserer Gemeinde, auch Euch jetzt kundgegeben werden, besser, kürzer und klarer kann dies nicht zum Ausdruck gebracht werden, als mit den Worten, die der Verewigte selbst einst ausgesprochen hat. An dein letztverflossenen Sabbate, seinem Sterbetage, an dem er »cm uns geschieden ist, sind es gerade 31 Jahre geworden, da hat er in unserem Gotteshause einem dahingeschiedenen, hochverdienten und von ihm hochverehrten Amtsgenossen einen warmen Nachruf gewidmet und von demselben hervorgehoben: „In Gesinnung, Wort, Schrift und That wirkte er voll heiligen Glaubens für die Reform des Judentums".*) Da habt Ihr Zug um Zug in lebenswahrer Treue und in lichtvoller Anschaulichkeit das Bild des Mannes, dessen Gedächtnis wir heute an dieser Trauerstätte uns in's Herz schreiben. Es ist das Gemälde seines eigenen Wirkens, das er da unbewußt in wenigen Strichen gezeichnet und in scharfen Umrissen entworfen hat, denn der Betrauerte, das war sein Mann, — das war er selbst! In dieser Gestalt hat der Verewigte uns stets vorgeschwebt, in ihr wird er allezeit in unserer Erinnerung fortleben. Er hat gedacht, gesprochen, geschrieben, gewirkt, um das Judentum aus der Verwahrlosung und Verunstaltung, aus der Versunkenheit und Verwilderung, in welche es besonders in den letzten zwei Jahrhunderten gar tief hineingeraten war, wieder emporzuheben, der Krone Israels wieder ihren alten Glanz zu verleihen und unsere heilige Lehre in ihrer ursprünglichen Wiirde und Reinheit, die wohl getrübt und verdunkelt aber nicht zerstört und hinweggelöscht werden kann, wieder herzustellen. Ihm haben wir in unserer Gemeinde den Aufbau unseres Gotteshauses, die Neugestaltung unseres Gottesdienstes und ihm hat ganz Israel einen Aufschwung des religiösen Lebens zu verdanken. In zahlreichen Schriften, in zahllosen Reden hat er die Notwendigkeit einer gründlichen Verbesserung unserer inneren Zustände betont, einer zeitgemäßen, geistesgemüßen Fortentwickelung des Judentums das Wort geredet. Und zu solcher Arbeit im Weinberge des Herrn hatte er nicht nur den regen Antrieb, sondern auch den inneren Beruf, das reiche Wissen, die tiefe Einsicht, die klare Anschauung, das sichere Urteil und noch mehr als das! neben dem lichten Geiste, dessen Blick weit in die Zukunft hinausreichte, besaß er auch das gute Herz, das mit voller Liebe dem heiligen Glauben der Väter und der ewigen Lehre der Wahrheit auhieng, das sinnige Gemüt, mit welchem er in allen Erscheinungen der Welt und des Lebens das Göttliche, das Heilige erschaute, um es selbst in innerster Seele zu empfinden und die gleiche Empfindung in den Herzen anderer zu erwecken. Wie hat er diese edlen Empfindungen, diese Gedanken seines Herzens — denn wenn er dachte, da war fast sein Herz noch thätiger als sein Geist — stets in so herrliche Worte zu kleiden, in so lieblichen Bildern auszuprägen gewußt! Wie hat er es verstanden, stets den Ton anzuschlagen, der die Herzen trifft und die Gemüter erweckt! Aus den Quellen der Bibel hat er stets neue Ströme der göttlichen Weisheit den Herzen zugeführt, aus dem Meere des Talmuds die verborgenen Perlen und Edelsteine hervorgeholt und ihnen den köstlichen Schliff verliehen, daß ihr Glanz jedem in die Augen hineinleuchten konnte, aus den Blumengärten der Hagada hat er die duftigen Blüten gepflückt, um sie mit den Blüten, die seinen! dichterischen Gemüte entsprossen, zu lieblichen Kränzen zu verflechten, und in die Goldgruben des Midrasch ist er hinabgestiegen und hat aus ihnen köstlichen Fund zu Tage ge- *) Jsr. Volkslehrer Bd. 2, S. 297.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.