Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1883)
- Date
- 1883-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Zur Erinnerung an den verewigten Kaßö. Dr. Leopold Stein (geb. 5. Nov. 1810, gest. 2. Decemb. 1882.) Rede gehalten an dessen Bahre von vr. N. Brüll, Rabbiner der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. Laßt die Trauerklänge ertönen! ans jedeni Munde steige der Weheruf empor und durch alle Herzen rausche der Strom der Klage dahin! denn ein Tag der Öde und Trübnis ist für uns gekommen; die Erde hat sich aufgethan, um mit Finsternis zu bedecken ein Licht, das uns vorausgestrahlt und uns die Nacht in Tag verwandelt hat, und auf den Gefilden Israels ist von der Hand des Todes ein'Baum entwurzelt worden, der reiche Frucht der Weisheit und Erkenntnis uns gespendet hat, und eine Zeder ist gefallen, deren Krone von dem Glanze des Himmels bestrahlt gewesen und ans deren Zweigen die Lieder zum Preise des Herrn erklungen sind. (Zach. 11,2.) Es ist gefallen ein Fürst und Held in Israel, ein Fürst im Reiche des Denkens, der weite Gebiete des Wissens beherrscht hat, und eilt mächtiger Held, der int edlen Geisteskampfe die Waffen des Lichtes und der Wahrheit zu führen gewußt hat. Da stehen tvir nun, das Haupt in Trauer gebeugt, an dem Sarge des weisen Lehrers, des Mannes, der so viele Jahre hindurch als ein erleuchteter Führer vor uns einhergegangen ist ans den Wegen der Gottesfurcht und der geistigen Erleuchtung, der sein ganzes Leben hindurch nicht aufgehört hat, zu sinnen und zu forschen in der Lehre des Herrn, und die Feder, mit der er unser Schrifttum so vielfach bereichert, nicht niedergelegt hat, als bis sie durch den Tod ihm entrissen worden ist. Groß ist der Schmerz, der Euch getroffen, groß der Verlust, beit Ihr erlitten, Ihr Söhne und Töchter des Verblichenen! doch auch wir haben einen Führer, einen Vater verloren, und nicht nur die Angehörigen unserer Gemeinde, die den Verewigten gekannt haben und ihm nahe gestanden sind, sondern alle unsere Glaubensgenossen von nah und fern trauern mit uns, klagen mit uns, fühlen mit uns den herben Verlust, den Israel durch das Hinscheiden dieses erleuchteten Lehrers erlitten hat. Und Ihr Hirten in Israel, Ihr ehrwürdigen Lehrer unserer Gemeinden, die Ihr gekommen seid, um dem treuen Genossen die letzte Ehre zu erweisen, wie auch Ihr, die Ihr im Geiste ehret den Namen und das Andenken des Verblichenen, auch Euer Herz ist voll Wehmut und Klage, denn Ihr versteht unsere Trauer, Ihr wißt es, welch' eine Zierde uns durch de» Tod entrissen wurde, Ihr wißt es, wie der Verewigte, getreu seinem Wahlspruche „auf meiner Warte stehe ich"*) unverzagt und unentwegt ausgeharrt, wie er mit Löwenmut sich erhoben hat, wo es galt den Kampf aufzuuehmen gegen das finstere Ungetüm des tückischen Wahnes, gegen die Giftschlangen der Lüge und Heuchelei, Ihr wißt es, daß wir auf die Vergangenheit des Vereivigten mit gerechtem Stolze zurückblicken können; Euch, die Ihr an seinem Schaffen teilgenommeu, die Ihr die Zeugen seiner unermüdlichen Wirksamkeit gewesen seid, ist es am besten bekannt, was wir an dem Verewigten besessen, was das Judentum mit ihm verloren hat. (Zach. das. 3.) *) Dieser Spruch ist tu dem von Stein hera»<gegebeueu Jsr. Bolkslehrcr regelmäßig als Motto für die zeitgeschichtlichen Berichte gebraucht.