Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1883)
- Date
- 1883-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 nock> die schlechten Eigenschaften der Bauern hinzugesellt. Das Licht der Civilisation und der geschulten religiösen Bildung drang, namentlich in den ärmeren Gemeinden, nicht zu ihm. Die Schätze unserer heiligen Bücher waren ihm meist fremd, sein ihm vorgeschriebenes Gebet richtet er in einer ihm meist unverständlichen Sprache gen Himmel. Bei Allem dem steckt aber ein guter Kern in ihm. Man muß den Landjuden nur beten sehen. Obwohl er selten versteht, was er betet, so hat er doch eine Gottes-Ahnung in sich und betet häufig mit einer merkwürdigen Inbrunst. In den meisten Fällen aber ist es ein mechanisches Herplappern trotz aller ihm unbestimmt innewohnenden Gottesfurcht. Es ist dies die Folge seines mangelhaften Verständnisses der Beziehungen zwischen der Gottheit und der Menschheit. Diesem Mangel sollte abgeholfen werden. — Die Protestanten haben ihren Gustav-Adolf-Verein. Gehet hin und sehet wie der wirkt! (Zeh ulemad!) Laßt Euch erzählen, welche Bedürfnisse ihn in's Leben riefen und welche Wohlthaten er bis jetzt seinen Glaubensgenossen erzeugt. Der Gustav-Adolf-Verein wirki bis in das kleinste protestantische Dörflein hinein, seine liebende, wohlthätige Umarmung erreicht es, auch wenn es versteckt ist in ganz katholischem Lande. Was aber haben die Juden für die sittliche Hebung ihrer Glaubensgenossen auf dem Lande gethan? Gehet und sehet Euch eine solche Dorfgemeinde von zwischen 6 und 20 Haushaltungen an. Sehet Euch ihren Lehrer an, wenn sie überhaupt einen haben. Vergleicht seine Kulturstufe mit derjenigen seines christlichen Dorfkollegen und es wird Euch gebildeten Stadtleuten ein Grauen überfallen bei deni Gedanken: dieser Mensch soll Religions-Unterricht erteilen! Und es gehört nicht einmal viel dazu, diesem Mangel abzuhelfen. Wir brauchen ja, im Gegensatz zu den Christen, nicht Pfarrer und Lehrer. Der jüdischen Landbevölkerung genügt der Letztere, wenn er mit den nötigen Kenntnissen ausgestattet ist. Soll aber ein solcher Lehrer mit Liebe zu seiner Gemeinde und zu seinen kindlichen Pflegbefohlenen seines Amtes walten, so muß er ein menschenwürdiges Dasein führen können. Und nicht eher werden sich tüchtige Lehrer finden, als bis dieser Voraussetzung Genüge geleistet ist. Uns schwebt zur Abhilfe der Lehrernot auf dem Lande die Griindung eines Vereins vor, wie der Gustav-Adolf-Verein, eines Vereins, der möglichst von einem großen Centralpunkt, wie etwa Frankfurt ausgeht, zunächst die Umgegend in's Auge faßt, und hierdurch Anregung in anderen großen Städten Deutschlands zur Weiterverbreitung der wohlthätigen Stiftung gibt. Zunächstliegender Zweck des Vereins: Jährliche Geldunterstützungen an diejenigen ländlichen Gemeinden, deren Budget zur würdigen Erhaltung eines Religionslehrers und Vorbeters nicht ausreicht. Es versteht sich von selbst, daß der zu gründende Verein 1) das Recht der Prüfung der Lehrer vor deren Anstellung, 2) das Aufsichtsrecht über deren Wirksamkeit, 3) das Recht der Prüfung des betreffenden Notstandes in den Geineinden hat, und diese Rechte kraft seines Patronats durch eine tüchtige Organisation ansübt. Je mehr ich an jenen Notstand auf dem Lande denke und je mehr ich unfern armen Stammesgenossen, für welche wir, wie schon gesagt, verantwortlich gemacht werden, geistig und sittlich dahinwelken sehe, je mehr ich die Schaderl-