Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1883)
- Date
- 1883-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 hört und wer will verantwortlich sein für die Menge von Fehlern und Vergehen, deren sich jüdische Vorstandsbehörden schuldig machen, die das Judentum, wie ein Stück Waare behandlen? Vereine, welche Gutes bezwecken wie der Mendelssohn-Verein hier und andere auswärts, niüßten kräftigst unterstützt und gefördert werden, denn wo das Judentum in seiner geistigen Bedeutung hervorgehoben wird, da müssen alle Besseren sich zusammenfinden und Keiner darf znrückbleiben und wer nicht dafür ist, der ist dagegen. Die Presse kann sich aber auch heilsam erweisen als Mentor in den jüdischen Gemeinden. Gegenwärtig ist Kopflosigkeit, Zerfarenheit, unerhörter Jndifferentismus, wie der Verfasser sich ausdrückt, die Signatur der israelitischen Gemeinden. Die Gemeindeverwaltung, sagt der Verfasser, ist gewöhnlich den Händen von Männern anvertraut, die nicht die geringste Kenntnis vom Judentume besitzen und was noch viel schlimmer, nicht die geringste Liebe und Begeisterung für das Judentum im Herzen tragen, nicht das mindeste Verständnis für die Bedürfnisse und für die Interessen desselben besitzen. Und daß, wenn das Haupt krank, auch der Körper dahinsiecht, ist klar. Unter solchem Steuerruder fährt das Schiff der Gemeinde dem sicheren Abgruude des Verderbens entgegen. Einer unserer geistreichsten Theologen, vr. Jellinek, hat vor, ein Kapitel über Vorsteher-Judentum zu schreiben, das weder in Jost noch in Grätz steht. Wir können ihn zu diesem Gedanken nur beglückwünschen, doch unter der Hand wird sich ihm das so zu einer neuen Geschichte des Judentums, aus richtigem Gesichtspunkte erfaßt, answeiten und er wird den Kampf des Ungeistes gegen den Geist schildern miissen. Wer im Judentume seinen Idealismus, seinen Eifer für das Gute nicht unterdrückt, wer mit demselben Ernst nmcht, läuft oft Gefahr in gewissen Kreisen auf alle erdenkliche Weise verfolgt zu werden und kein Mittel bleibt unversucht, ihn zu verdrängen. Ja es thut not, daß im Judentume Etwas wie eine öffentliche Meinung der Gebildeten und Ehrlichen geschaffen werde. Ja, die Presse hat den Beruf, wie das jüdische Bewußtsein zu kräftigen, so auch die jüdischen Gemeinden zu beleben und aus den Trümmern den Bau des Judentums neu erstehen zu machen. Besondere Aufmerksamkeit hat die jiidische Presse der Kanzel zuzuwenden. Die jüdische Presse soll hervorragende Kanzelleistungen, die geeignet sind, Liebe und Begeisterung für's Judentum zu wecken, ganz oder in den markantesten Stellen den Lesern vorführen und werden derartige Reden oder Auszüge besonders großen Wert haben für die, welche die Gotteshäuser nur selten besuchen, wie für die Bewohner des Landes, die das ganze Jahr nichts über Judentum hören. Es würde so die Fackel der Begeisterung in jedes jüdische Haus hineinleuchten. Durch eigens für die Jugend geschriebene Arbeiten soll sich die Presse als die öffentliche Lehrerin des Judentums der Jugend gegenüber erweisen. Wir müssen der dürstenden Jugend Belehrung bieten, soll sie für das Judentum gewonnen werden. Und wahrlich das Judentum, diese Religion der Vernunft, hat eine wissenschaftliche Behandlung nicht zu fürchten, denn es ist ein herrlich stolzer Bau, aufgebaut auf festen unerschütterlichen Grundlagen, der nicht ivankt, wenn anch einige morsche Steine aus demselben entfernt werden. Ja, die Grundlehren und die Grundprinzipien des Judentums werden aus jeglichen: Kampfe nur desto gefestigter und gestärkter hervorgehen. Der Verfasser ruft mit Recht aus: „Geben wir lieber jetzt einen Teil auf, bevor wir später unnützerweise gezwungen werden, das Ganze preiszugeben und mögen doch diejenigen, die mit gar nicht zu rechtfertigender Starrheit ein jedes Pünktelchen in der Bibel und im Talmud festhalten zu müssen