Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1882)
- Date
- 1882-12-01
- Page
- Seite 282 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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282 Schon lange war gefallen die Krone von Juda's Haupt, Gejagt durch alle Lande, verachtet und beraubt, Hat es als einzig Erbe das Gotteswort bewahrt, Um das in niedrer Hütte die Schüler sich geschaart. Was draußen sich ereignet, der Völker wilder Streit, Das Lehrhaus bleibt von Allem verschonet und befreit. Zusammen hat man Juda gedrängt in enge Gasse, Fern von der Menschen Liebe, nicht fern von ihrem Haffe. Da horch! ein dumpfes Lärmen, ein Summen, Klingen, Rauschen! Die Schüler ängstlich schrecken; sie stutzen, schweigen, lauschen. Sie kommen immer näher; man hört der Führer Rufe, Schon kann man unterscheiden den Schall der Roffeshufe. Kein Wunder, daß sie zittern; noch bluten frisch die Wunden, Noch ist der Leidenstage Gedächtnis nicht geschwunden, Da sich in Rheines-Städte gewälzt die gier'gen Schaaren, Die mit dem Kreuz behaftet der Juden Schrecken waren. Die schönen Frühlingstage, wie waren sie verstört, Die blühenden Gemeinden, wie waren sie verheert, In Trier, Worms und Speier, in Neuß und Köln und Mainz, Vom Blut der Märtyrer die Wellen rot des Rhein's. Auch zu des Rabbi Ohren drang schon der Waffen Klirren, Doch läßt im frommen Werke er nimmer sich beirren. „Was zaget ihr und schweiget? Weil uns der Feind bedroht, Wie wir's erlebt schon haben, mit Schmach und Raub und Tod? Denkt ihr noch, wie wir kürzlich es festlich erst begingen, Des Talmud erste Hälfte zum Abschlüsse zu bringen? *) Wie ich euch vorgelesen aus Josef Gorion's Buche, **) Wie einst der Streit der Brüder dem Lande ward zum Fluche? Das war der Streit Hyrcanus und Aristobulus, Da faßten erst die Römer in Juda festen Fuß, Da am Versöhnungstage sie in den Tempel drangen, Verrichteten die Priester die Dienste ohne Bangen. Und wenn der Eine stürzte, vom Feinde hingestreckt War schnell bereit ein Anderer, der seine Stelle deckt, Bis rings an dem Altäre sie lagen hingereiht, Sie selbst ein heilig Opfer, der höchsten Pflicht geweiht. Der Altar ist zerfallen, doch lebt noch Gottes Wort, Und wo man dessen denket, ist Er bei uns, der Hort. Der letzte Hauch des Mundes gehöret ihm nur an. Was unser Gott uns thut, zum Guten ist's gethan". *) Sijum, Fest bei Beendigung eines größeren Abschnittes aus dem Talmud- **) Jofippon IV, 28 (S. 884 sä. Breithaupt.)