Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1882-12-01 · Heft 12 (1.12.1882) · p. Seite 280

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 12 (1.12.1882)
Date
1882-12-01
Page
Seite 280 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2969669-2969684-2969697--0610-2971037
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

280 Und der sich dennoch mut- und glutbeseelt Aufrecht erhielt, geistfrisch und unverdrossen — Das that zuerst ihm tiefbegeisternd kund, Daß Volkeskraft ein felsenfester Grund. Und Auerbach hat sein Leben lang in That und Wort den schönen Einklang des Deutschen und des Juden bewährt. Wie in seinen sinnigen Schilderungen des Volkslebens auch der Jude, sei es in der Gestalt eines klugen Lehrers, sei es in der einer edlen Frau seine wie selbstverständliche Darstellung gefunden — so hat er zu aller Zeit sich ein teilnehmendes, warmes Herz für Juden und Judentum gewahrt, er, der deutsche Dichter von Gottes Gnaden, er, an dessen echt deutscher Gesinnung und Gesittung auch der mißgünstigste Blick keinen Makel finden konnte, so ist er allzeit eingetreten, wenn der alte Haß aus neuen Schläuchen sich ergoß. Ja er ist — und dafür liegen die unzweideutigsten Zeugnisse vor — gestorben am gebrochenen Herzen über die Erneuerung der alten Feindseligkeit, die ihm seine besten Freunde entfremdet. „Und Joseph erkannte seine Brüder, sie aber erkannten ihn nicht" — dieses von ihm selbst so schön auf Kaiser Joseph angewandte Bibelwort, paßt auch auf ihn, der allezeit treu gestanden zu seinem deutschen Volke, zu seinen Glaubensgenossen, oft aber gerade hier Verkennung gefunden. Und die edle Gestalt dieses Mannes, der fünfzig Jahre lang in klassischen Werken die edelsten Saaten ausgestreut, wird in fünfzig Jahren unfern Glaubensgenossen noch in ganz besonderem Glanze erstrahlen, während sie im Herzen, in der Hausbibliothek und in der Ruhmeshalle des deutschen Volkes den Ehrenplatz behaupten wird. Unser jüngeres Geschlecht mag und wird an ihm das Vorbild erblicken, wie sich Deutschtum und Judentum harmonisch zur vollendeten gedeihlichen Wirkung verbinden. Nicht jeder Jude kann und soll ein Berthold Auerbach werden. Aber wie vor hundert Jahren schon die Erscheinung Moses Mendelssohns wirkte, versöhnend und klärend, läuternd und belehrend — so mag auch unseren und den zunächst kommenden Tagen Berthold Auerbach neben seiner dichterischen Verklärung das Ideal des deutschen Juden vor Augen stellen — der ein treuer Patriot, ein edlerMensch, und zugleich — ja deshalb, ein echter Ju de ist. Ein sinniges Gleichnis des verschrieenen Talmud lautet: Israel ist gleich dem Staub — Wird es des Druck's, des Elendes Raub; Israel ist gleich den Sternen — Frei — steigt's in höchste Fernen. In unsren Sternen, nicht in unserem Staub erblicken wir die Ideale des Judentuins. Mögen die Hetzer in unserm Staub, in uns verächtlichen und von uns verachteten Wucherern und Gaunern, die sich auch unter Juden finden, ihr Ideal vom Juden erblicken, uns schwebt es vor in unseren Sternen. Und Gott sei Dank, deren haben wir zu allen Zeiten gehabt. Und das ist unser Stolz bei dem Rückblick auf die vergangenen, unsere Hoffnung im Aufblick auf die kommenden fünfzig Jahre, das alte schöne Psalmwort: Wir sterben nicht, wir leben!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.