Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1882)
- Date
- 1882-12-01
- Page
- Seite 277 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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277 Wunder alter Tage, — seien es biblische, seien es geschichtliche — weit hinter sich lassen, die Summe der Kenntnisse auch für die große Masse unendlich erweitert haben — gerade deshalb ist heutzutage der Abstand zwischen dem, was der Kopf weiß und kennt und zwischen dem, was das Herz fühlt und ersehnt, zu einer so tiefen Kluft geworden. Die Gemütlosigkeit wächst, je einseitiger der Verstand ausgebildet wird. Nur der ideale, der religiöse Sinn kann dem Einhalt thun: die Religiosität, für die Mehrzahl verkörpert in der Religion. Mögen Andere in ihrer Religion, wir Juden dürfen mit gerechtem Stolz in der unseren ein solch gemütergreifendes, beseelendes, beglückendes, Menschenwert und Menschenwürde hebendes Kleinod erblicken. Sie hat unsere Ahnen über Kerker und Scheiterhaufen hinweggeleitet, ihnen den Messiasglauben an eine lichtere Zukunft erhalten, ihnen — deß sind unsere Schriftschätze, deß sind unsere großen Glaubensgenossen aller Zeiten Zeugnis — die höchsten sittlichen Lehren und Vorbilder gegeben. Ein Blick auf die tiefen Schätze praktischer Lebensweisheit und echter Humanität, wie sie in den talmudischen Sprüchen der Väter — aus der Entstehungszeit des Christentums — enthalten sind, ein Blick auf die erhabene Spruchweisheit späterer Jahrhunderte lehrt die tief ethische Bedeutung des Judentums kennen und verehren, die nichts gemein hat mit dem Außenwerk an dem die Blicke des jüdischen Pöbels aberglänbisch hängen. Vor 2000 Jahren erklangen Weisheitssprüche wie: Wer ist weise? Der lernt von Jedermann. Wer ein Held? Der sich bezwingen kann. Wer reich? Der da zufrieden Mit dem, was ihm beschieden. Und wer geehrt? Dem Menschen wert. Aus so uralter Zeit tönt uns die Mahnung entgegen: , Fällt dein Feind, so freue Dich nicht, Strauchelt er, frohlocke nicht, Gott sieht's und rechnet Dir's zur Schuld, Und wendet ihm sich zu mit Huld! Und wenn wir den zweitausendjährigen Väterspruch lesen: Leidenschaft, Menschenhaß, Neid Töten den Menschen vor der Zeit — finden wir darin nicht eine recht passende Charakteristik der modernen Hetzer? Und tausend Jahre später mahnen jüdische Weisheitssprüche (Orchot Chajim): Iß lieber Kraut als freier Mann, Eh Menschen Du wirst unterthan. Den Mann von schlechtem Ruf, den bösen Nachbar flieh! Und den der Böses spricht von Andern, Gutes nie! Nicht gleiche den Fliegen, Die auf kranken Stellen liegen. Nicht erzähle Des Nächsten Fehle. Vor vierhuudert Jahren ward ein jiidisches Sittenbuch geschrieben, darin stehen Sprüche wie: