Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1882)
- Date
- 1882-12-01
- Page
- Seite 276 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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276 liche Pflicht ist. Wie viele legen sich fortwährend Opfer auf, um den Speisegesetzen nachzukommen, unsere religiöse Beamten zunächst. Und doch bedarf es nur des erlösenden Wortes, das unser Judentum in seiner ganzen Glorie erscheinen läßt. Wir haben kein verschleiertes Bild von Sais, dessen Enthüllung ein leeres Nichts böte. Wir bediirfen des Wunderglaubens nicht, nicht der Offenbarung in grobsinnlicher Auffassung. Der Wunder Höchstes ist, daß uns die wahren echten Wunder so alltäglich werden können, werden sollen. Uns ist die Bibel ein teueres Buch, ein herrlicher Schriftschatz, großartig in der Form, ergreifend im Inhalt, auch wenn wir wissen, daß sie Menschenwerk ist, daß sie göttlich ist grade in dem Sinne, in dem jeder Gedanke, jeder sinnige Spruch es ist. Nathan der Weise, dieses in echtbiblischem Geiste geschriebene Werk, rührt von einem Propheten, Lessing her, der dem Jeremias in nichts nachsteht. Reißt dem Volke von den Augen die Binde, die sie blendet, zeigt ihm das Buch der Bücher als Menschenwerk, vergleicht es mit Homer, mit den Nibelungen — und wie sehr überstrahlt es alle diese herrlichen Volksdichtungen. Das Wunder fällt, die Bewunderung bleibt. Und so schlicht und klar, verständlich und gemüterfassend wird das Judentum, von allem orientalischen Wunderspuck losgelöst, in deutscher Lehre, in deutscher Gebetsprache, in Bräuchen, die das Herz ansprechen, den Schönheitssinn erfreuen und veredeln, den geschichtlichen Zusammenhang wahren und gleichzeitig die nationale Fühlung mit unseren Mitbürgern anderen Glaubens aufrecht erhalten. In den wichtigsten Punkten des religiösen Gefühls stimmen der freisinnig gebildete Christ und der Jude überein. Die Übereinstimmung liegt in dem, was das Wesentliche, der eigentliche Kernpunkt des Judentums ist. Wahren wir diesen, dann dürfen wir auch heute schon mit Zuversicht sagen: unsere Nachkommen in 50 Jahren werden so gut und so gute Juden sein wie wir. Sie werden noch mehr beseitigt haben als wir von dem Moderwerk und Gerüste, das sich um den hehren Tempelbau der Religiosität im Laufe der Jahrhunderte angesammelt hat, ihr Judentum wird ein reineres, innigeres sein, als das vor 50 Jahren von der Mehrzahl dafür gehaltene. Die Frage nach dem Judentume in 50 Jahren möchte vermessen erscheinen. Ich bin kein Prophet, aber die Geschichte ist die Lehrerin der Zukunft. Wer freilich abgeschlossen hat mit dem Judentume, wer ihm den Grabstein bereit hält, wer. da meint, es gehe zu Ende mit dem Judentume, es liege in den letzten Zügen, den muß die Kühnheit einer Prophezeihung für die nächsten 50 Jahre in Verwunderung setzen. Wer aber um sich blickt im Leben unserer Tage, wer Korn zu sondern vermag von der Spreu, wer zu unterscheiden weiß, zwischen Wahrheit und Phrase, zwischen vorgespiegelter Forderung und wirklichem Bedürfnis, auf politischem, auf religiösem Gebiete, wer den traurigeu Erlebnissen grade der jüngsten Tage, den heillosen Selbstmorden, den ruhelosen Hetzjagden nach Gewinn, mit Aufmerksamkeit gefolgt ist, wer die utopischen Ansprüche der Unzufriedensten und Verfolgtesten unserer Tage, der Sozialdemokraten ruhig und unbefangen prüft, wer sich die modernen Judenhetzen ansieht, ob sie nun mit priesterlicher Salbung oder mit dem Brustton der Bierberedsamkeit auftreten — dem muß sich die Überzeugung aufdrängen, daß keiner Zeit der religiöse Sinn mehr notthat, als der unseren. Gerade weil wir so unendlich weit vorgeschritten sind in Bildung und Wissen, gerade weil — und mit vollem Recht — für die Erziehung auch des Ärmsten und Niedrigsten iin Volke heutzutage mehr denn je gesorgt wird, gerade weil alle die herrlichen Erfindungen unsrer Zeit, welche die sogenannten