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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1882-12-01 · Heft 12 (1.12.1882) · p. Seite 275

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 12 (1.12.1882)
Date
1882-12-01
Page
Seite 275 (sequence 11)
Language
German
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275 Die deutschen Juden vor und in fünfzig Jahren. Von Emil Lehmann, Rechtsanwalt in Dresden. (Schluß). Wenn jene Männer die vor 50 Jahren dem gewaltigen Ringen nach Reform im Judentum in ohnmächtiger Orthodoxie sich entgegensteinmten, die in persönlich gutem, sachlich schwachem Glauben das Judentum wie eine Maschine ansahen, die in sich zerfällt, wenn eine Niete gelöst wird — wenn jene Männer, die in Berlin den Tempel Hintertrieben, die in Breslau 1836 gegen Geiger intrigierten und niit dem Feldgeschrei, der König habe die deutsche Predigt verboten, kein Mittel unversucht ließen, um Geiger's Wahl zu Hintertreiben, die ihn als Demagogen denunzierten und so 18 Monate seine Naturalisation und die davon abhängige Anstellung hinauszuschieben wußten, die die lächerlichsten Anschuldigungen erhoben, z. B. die, Geiger trage einen christlichen Ornat, Anschuldigungen, denen Bischof Förster und Superintendent Falk entgegentraten — wenn diese verblendeten Orthodoxen, die kein Mittel scheuten, die deutsche Predigt, deutsche Bildung zu Hintertreiben, wenn sie unsere Tage erlebt hätten, sie hätten erfahren müssen, daß sie gegen Windmiihlenflttgel gekämpft, daß nicht sie, _ daß ihre Gegner es waren, welche dem erstarrten Judentunr frisches Leben eingehaucht haben, daß Zeiger Recht behalten hat, wenn er 1836 aussprach: .Llie-Frage.unsererZeit ist nicht Emanzipation, sondern Reform", und Rießer, wenn er" 1830 erklärte : . „Wir glauben die mittelalterliche Form des Judentums in unwiederbringlichem Untergang begriffen, aber wir sehen nichts, als die freieste Entwicklung der innersten Lebenskeime des Mosaismus, gereiht an das Höchste, was die Menschheit unserer Tage zu fassen vermag, was für uns an deren Stellen treten könnte". In diesen klassischen Worten, gleich am Beginn seiner siegreichen Gleichberechtigungskümpfe, hat der herrliche Gabriel Meßervor 50 Jahren ausgesprochen, was uns heutzutage beseelt, was uns Wesen und Inhalt des Judentumes ist und worin wir dessen Zukunft und Bestand erblicken: ,ZaL JMntum ist hie Religion, der Humanität".. Versunken und vergessen sind die Buchstabenhelden, die sich um ein Jekum Purkom, um chaldäische, aramäische und hebräische Gebete stritten, denen Schutt und Moder heilig, die Kruste wichtiger war, als der Inhalt, die den warnenden Spruch der Väter vergaßen: Achte nicht auf das Gefäß, sondern auf das, was darin ist. Das veraltete Ceremoniell ist aller Orten mehr oder minder rasch, mehr oder minder folgerichtig gesunken. Die abergläubische, in Wahrheit frevelnde und gotteslästerliche Auffassung von der Gottheit, die Spekulation auf deren Gnade mittelst eines listigen Tauschgeschäftes, gegen Gebete und Gebräuche — das sind längst gerichtete Auffassungen, verbannt aus dem Religionsunterricht, hoffentlich auch der Altgläubigen. Aber noch ist das Ziel nicht erreicht. Noch überwiegt die hebräische Sprache in unfern Gebeten, noch sind dieselben erfüllt mit veralteten unverständlichen Phrasen von der Auserwählung, mit ortentalischem Schwulst, noch drückt der Mangel an Gebeten auf deren Giite. Noch entbehren jahrein jahraus Hunderttausende unserer Glaubensgenossen, noch liegen sie unter dem Bann.e eines Wahnes, dem sie zu entreißen religiöse, Volkswirtschaft-

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