Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1882)
- Date
- 1882-11-01
- Page
- Seite 262 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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262 der alsdann auf dem Altäre der Sündenvergebung seinen Leib opfern und sein Blut vergießen läßt. Da nun dieses Opferblut Jesu (Christus) genossen wurde, so lag die Idee nahe, daß die Juden, denn als solche galten die ersten Christen (Judenchristen), am Ostern Christus schlachten und sein Blut zu rituellen Zwecken genießen. In der That wurde diese Beschuldigung, wie Tertullian und Andere erzählen, seitens der Heiden (Römer) über die ersten Christen (Judenchristen) erhoben, und als später die Paulinischen (Heiden-) Christen die judenchristlichen Gemeinden anfeindeten, als noch auf den« Boden des alttestamentlichen Judentums stehend, wie die Judenchristen die Heidenchristen anfeindeten, als nicht mehr ans dem Boden des Judentums stehend; als endlich diese gegenseitige Anfeindung in eine vollständige Trennung überging, der Art, daß man Sabbath, Ostern und sänimtliche Feste nicht mehr zusammen mit den Judenchristen feiern wollte; als man von den Judenchristen, welche ihr altes Passah beibehielten, sagte, sie opfern Jesu nicht im Meßopfer, sondern schlachten Christus und genießen dessen Blut bei ihren jüdischen Osterngebräuchen, da schwanden endlich die judenchristlichen Genieinden und gingen ein, als das Heidenchristentum durch die Macht der Römer, welche ebenfalls Christen wurden, zur Obmacht und zum Siege gelangte, und nun übertrug man Anfeindung und Haß ans die Juden, denn als solche hatten ja die Judenchristen gegolten, und sagte von ihnen: Die Juden schlachten an ihren Ostern einen Christen und genießen dessen Blut zu rituellen Zwecken. Man erkennt also, daß die ganze Beschuldigung im Christentum wurzelt und die Juden als solche gänzlich unberührt läßt. Sogar der ganze Haß, die Anfeindung und Polemik, der Christen gegen die Juden bewegten sich ursprünglich auf judenchristlichem Boden und ging die eigentlichen Juden nichts an. Erst später, als man an den Judenchristen keinen'Gegenstand des Streites und der Anfeindung mehr hatte, übertrug man Anfeindung und Verfolgung auf die Juden, So ging es mit der Blutbeschuldigung, so mit anderen Erdichtungen, unter denen die Juden zu leiden hatten. Das Christentum ist seiner Entstehung und seinem Inhalte nach deni Judentume so nahe verwandt, daß man sich über den bis auf den heutigen Tag andauernden Haß der Christen gegen die Juden wundern niuß. Die Erklärung dafür liegt nur darin, daß man zu allen Zeiten durch Haß und Polemik beim Volke das Interesse an der Sache zu heben gesucht hat, welche man fördern wollte. Wir wollen hoffen, daß das Licht der Bildung und Aufklärung die Dunkelheiten bald schwinden läßt, welche noch vielfach die Geister der Völker umnachten. Dr. Rothschild-Alzey. Keftrale und Mitteilungen. Krakau, im August 1882. Vor mir liegt der neunte Jahresbericht der isr. Allianz zu Wien vom 2. Juni 1882. Derselbe enthält 1. Bericht über die Thätigkeit des Vereins im Jahre 1881. Derselbe wirft einen Rückblick auf die traurigen Erlebnisse der russischen Juden. 2. Bericht über die Caffagebarung vom 1. Januar bis 31. Dezember 1881. 3. Verzeichnis der Stifter, Gründer, Ehrenmitglieder, Mitglieder auf Lebenszeit, Jahresmitglieder und Wohlthäter. Dann folgt Beilage 1.