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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1882-11-01 · Heft 11 (1.11.1882) · p. Seite 261

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 11 (1.11.1882)
Date
1882-11-01
Page
Seite 261 (sequence 21)
Language
German
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261 Stichwunden blutend gemacht haben sollen. Die rote Schimmelpilse, welche sich an den mehlhaltigen und in feuchten Kirchentaberpakeln aufbewahrten Hostien erzeugten, hielt man für in solcher Weise hervorgebrachtes Blut und verfolgte die Juden darob; nian tötete oder verjagte, plünderte sie und teilte die Beute zwischen Staat, Kirche und Volk. Der schwarze Tod im 14 Jahrhundert, eine choleraartige Pest, der Inden und Christen erlagen, wurde auf von Juden vollzogene Brunnenvergiftung zurückgeführt, obgleich die Juden mit den Christen aus denselben Brunnen tranken. Wer würde heute derartiges noch glauben? Aber man glaubte es damals und verfolgte die Juden darob unschuldiger Weise. Und dennoch, wenn die Verführer zum Bösen es dem Volke heute wieder vorsprächen, das Vorurteil wäre stark genug genährt, um das Volk auch heute wieder an so falsche Beschuldigungen glauben zu machen. Mit der Blutbeschuldigung hat man neuerdings wieder den Anfang gemacht; man hat sogar versucht, den Glauben daran von Ungarn nach Deutschland zu verpflanzen. Woher stammt nun diese Beschuldigung der Juden, daß sie zu ihren Ostern Christen opfern und deren Blut genießen? Bekanntlich hatte das Judentum anfänglich einen blutigen Opfergottesdienst. Zwar concessionierte Moses denselben nur und gab ihm im Gegensätze zum heidnischen Opferdienste eine symbolische Bedeutung, zur Bezeichnung des dem Menschen innewohnenden frommen Sinnes; die Propheten eiferten gegen diese Art des Gottesdienstes und stellten sie als ungenügend und verwerflich hin, da Gott vielmehr auf ein Leben der Gerechtigkeit und Liebe sek>e; sie wiesen auf einen Gebetgottesdienst hin, der im Exil nach Zerstörung der einzigen Opferstätte in Jerusalem auch wirklich eingerichtet wurde. Nach der Rückkehr aus dein Exile und der Wiederherstellung des Tempels in Jerusalem war der Einfluß der Priester zwar wieder groß genug, uni den Opferdienst noch einmal neben dem Gebetgottesdienste wieder einzuführen, aber nur kurze Zeit. Nach der zweiten Zerstörung des Tempels durch die Römer hörte das Opfer für iinmer auf, der blutige Opfergottesdienst gilt seitdem bei den Juden als ein überwundener Standpunkt. Zu Jesu Zeit, bei Entstehung des Christentums, bestand aber der Opferdienst in Jerusaleni noch, und so ist es gekommen, daß die Opferidee auch in's Christentum gedrungen und gewissermaßen in demselben beibehalten worden ist, obgleich auch hier die eigentliche Bestrebung dahin ging, das blutige Opfer zu beseitigen. Moses ordnete nämlich bei der Erlösung aus Aegypten die Opferung eines Lanimes an, die Grundlage für die spätere Opferung des Passah- (Ostern-) Lammes. Die Bedeutung auch dieses Opfers war symbolisch und zielte eigentlich auf Ueberwindung und Beseitigung des blutigen Opfers hin. Denn das Blut dieses Opferlammes sollte an die Schwelle des Hauses gesprengt werden, während sonst das Opferblut an den Altar des Tempels gesprengt wurde, um anzudeuten, daß das Haus der eigentliche Tempel des Herrn sein solle. Im Christentum ist Jesus, der am Passahfeste, am 14. Nissan, an welchem Tage das Passah- (Ostern-) Lamni geopfert wurde, den Kreuzestod erlitt, nach dogmatischer Deutung an die Stelle des Osterlammes getreten, aber freilich in ganz anderem Sinne, zur Sühne für die Sünden in der Welt. Es entspricht das freilich weder der allgenieinen, noch besondern jüdischen Opferidee, aber doch liegt auch hier die Absicht mit zu Grunde, deni blutigen Qpfergottesdienste ein Ende zu machen. Indes ist die Idee des blutigen Opfers gewisserniaßen doch wieder in die Kirche zurückgekehrt, und zwar in dem kirchlichen Meßopfer, wobei in Wirklichkeit oder dem Glauben nach der Wein in das Blut, und das Brod (die Hostie) in den Leib Jesu verwandelt (transsubstanziirt) wird,

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