Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1882)
- Date
- 1882-11-01
- Page
- Seite 259 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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259 welches sie von ermordeten Christen gewinnen und bei ihrem Osternbrode genießen, noch der Widerlegung bedarf, um unschuldig darüber gehetzte und verfolgte Menschen zu verteidigen. Von jüdischer, wie christlicher Seite ist eine Widerlegung zwar oft unternommen worden, aber nie mit dauerndem Erfolge. Trotz der thatsächlichen Rückkehr oder Wiederauffindung der verloren geglaubten oder verborgen gehaltenen Christen, von denen man vorgab, daß die Juden sie ermordet hätten, um deren Blut für ihre religiöse Osternfeier zu verwenden; trotz der bei wirklicher Ermordung durch die gerichtliche Untersuchung jedesmal erwiesenen Unschuld der Juden, hat sich dennoch der Glaube nicht verloren, daß die Juden Christenblut zu österlichen Zwecken gebrauchen und dafür Christen ermorden. Wir haben zwar solche falsche Beschuldigungen auch im westlichen Deutschland, und zwar erst vor circa 50 Jahren am Niederrhein, erlebt, aber der eigentliche Boden für derartige Anklagen und Verfolgungen der Juden ist bis auf den heutigen Tag der noch ungebitdete Osten: Rußland, Rumänien, die Türkei und neuerdings auch Ungarn. Indes sucht die antisemitische Bewegung von der Tisza-Eszlar-Affaire auch für Deutschland zu profitieren. Die gerichtliche Untersuchung in Ungarn ist zwar noch im Gange, jedoch ist für die tiefer Blickenden die Unschuld dev Juden jnk ein Zweifel gewesen; dieselbe tritt neuerdings auch für alle Welt immer deutlicher in den Vordergrund. Zu bedauern ist nur, daß es unsrer heutigen Rechtspflege noch so schwer fällt, einen so durchsichtigen Prozes in kurzer Zeit klar zu legen. Ohne Zweifel wird es sich auch hier Herausstellen, daß Ester Solymossy nicht ermordet ist, sondern noch lebt und von den antisemitischen Parteigängern irgendwo verborgen gehalten wird.*) Wir hoffen nur, daß die Schuldlosigkeit der angeklagten Juden auch hier recht bald *) Gelegentlich sei hier auch einer anderen aus christlichen Kreisen stammenden Stimme Raum gegönnt, wo man gleich uns darüber im Klaren ist, daß die Juden kein Blut zu rituellen Zwecken gebrauchen. In einenr Briefe eines hervorragenden christlichen Gelehrten an einen Juden heißt es also: „Dächten alle Israeliten wie Sie, es gäbe keine „Judensrage", es wäre auch die Tisza-Eszlarer-Affaire nicht so bedeutend geworden. Dieselbe liegt, meiner Überzeugung nach, (der ich indes angesichts der bevorstehenden gerichtlichen Erörterung noch nicht öffentlich Ausdruck geben will) so: Die drei Schächter, rohe Gesellen (wie die meisten ungarischen Schächter sein sollen) haben die Ester Solymossy iu den Vorhof der Synagoge gelockt, gemißbrauchl und dann aus Furcht ermordet. Das ist ein übles Verbrechen. Analoga aber hat's bei Christen auch gegeben cf. z. B. katholische Geistliche und Cölibat. Nun ist das Schlimme, daß die Mitwisser und Helfershelfer durch Leugnen und Lügen die Ermittlung des Thatenbestandes erschweren, wodurch sie aber gerade in das Chilul Haschern hineingeraten. Bei sofortigem Geständnis hätte man drei böse Gesellen gehabt, die zufällig Juden waren. Nun haben sich leider etwa dreiviertel Dutzend anderer Juden bereit finden lassen, bei der Hehlerei, Leichendiebstahl u. s. w. mitzuwirken, um drei Glaubensgenossen von der Mordbeschuldigung frei zu machen. Die Verteidigung von Glaubensgenossen ist an sich gewiß löblich, sie hat aber, weil unlautere Mittel gewählt wurden, den üblen Erfolg gehabt, daß die „Antisemiten" zahlreichen Leichtgläubigen die Mär des rituellen Mordes plausibel machen konnten und so auf die jüdische Religion ein böser Schein geworfen wurde. Sobald nun der erste Verdacht des rituellen Mordes ausgesprochen wurde, war es heilige Pflicht jedes Juden, der um die Sache wußte, gleichviel ob selbst unschuldig oder mitbeteiligt, die volle Wahrheit zu gestehen. Dann konnten nur Einzelne, die zufällig Juden waren, gestraft werden, jetzt leidet die ganze, sei es Judenheit, sei es jüdische Religion, unter dem Zusanimenhalten der Juden jenes Ortes.-Da Sie die Vorgänge in Tisza-Eszlar als absolut „unverständlich" bezeichnten, wollte ich Ihnen meine persönliche Ansicht nicht vorenthalten. Ich bemerke gerne, daß ich mich freuen würde, wenn die gerichtlichen Verhandlungen, sei es alle Angeklagte, sei es einen Teil derselben als unschuldig erwiesen. Betreffs der Ünsinnigkeit der Blutbeschuldigung sind wir beide jedenfalls einig Darf ich nach meiner Kenntnis Ihrer Ansichten urteilen, aber auch darin einig, daß das orthodoxe Judentum sich von einer Reihe unhaltbarer Sätze, insonderheit von: 8chulchan Aruch, formell und bindend lossagen muß u. s. w." Red. 23*