Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1882)
- Date
- 1882-11-01
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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242 Semmelbrocken die Sünden hineinzuwerfen. Vor dem Versöhnungstage wurden Hühner über die Häupter der Familienglieder vom Familienhaupt geschwungen, unter hebräischen Sprüchen, wie sie in den Gebetbüchern alten Styls heute noch stehen: Das ist meine (deine) Entsühnung, dieser Hahn geht in den Tod, ich aber werde, (du aber wirst) entsühnt zu glücklichem Leben. Und in den Sühnegebeten am Jomkippur ward — und wird heute noch — zehn und hundertmal die Bereitwilligkeit Abrahams zur Opferung Jsaacs wiederholt und als Entsühnungsgrund für die Betenden Gott in Erinnerung gebracht. Gut, daß das hebräisch geschieht und von den Wenigsten verstanden wird. Damals standen die Beter in ihren weißen Sterbehemden, mit verschiedenartigster, mitunter höchst komischer Kopfbedeckung, die vom Häubchen bis zur Bischofsmütze in Weiß variirte, oder mit Sammetkäppchen, die Füße mit Filz- oder Strohschuhen bewaffnet. Viele von ihnen standen buchstäblich den ganzen Tag wie Säulenheilige. Am Vorabende vor Ostern ging's in feierlichem Zuge durch alle Wohnräume, voran der Hausherr mit Licht und Brot, ihm nach die Kinder. In alle Winkel ward Brot gelegt. Ani anderen Morgen wards sorglich zusammengelesen und verbrannt: das war die Verbannung des Ungesäuerten. Von nun ab war acht Tage Umgestaltung aller Verhältnisse, zur Lust der Kinder, zur Befriedigung der Frommen. Anderes, besseres Geschirr, wohlschmeckende Mazzespeisen, koschrer, nieist saurer Wein, oder Rosinenwein, oder Trank aus Süßholz war die Losung. Der Kaufmann durfte nichts in gepappten Düten liefern. Besonders Strenggläubige streuten Sand auf die Ofenröhre, legten Papier ans die Geschirrbretter, ließen die silbernen und goldenen Becher von Juden weihen, „kaschern", bezogen die Milch direct voll der Kllh und nur durch Glaubensgenossen. Absonderlichkeiten der Art mögen hie und da noch vorkomlnen. Aber daß sie in der Hauptsache verschwundeli, dafür wollen wir Gott danken. So die Schattenbilder. Vergessen wir aber auch die Lichtseiten nicht. Mit diesem kleinlichen, peinlicheli Ceremonial, diesem Durcheinander von Gottesdienst lllld Hausübung, verband sich eine Innigkeit und Anhänglichkeit der Familienglieder, eine Pietät und Wertschätzung des häuslichen Lebens, ein Treuhältnis und Anschlus der Gemeindegenossen, die gute Früchte zeitigten. Die schon durch Absperrung und Zurückweisung von außen gebotene Familienhaftigkeit erweckte dem häuslichen Leben Sonnenslrahlen, die insbesondere wärmend in das Kinderherz einzogen und ihm die Freitagabende, die häusliche Osterabendfeier mit ihrer innigen und sinnigen Verschmelzung von Religionsbrauch und Wohlgenüssen zu unvergesslichen Erinnerungen stempelten, auch für die Zeiten, in denen eine kühlere Betrachtung Platz griff. Zum Freitagabend wandelte sich die Wohnung. Weißes Linnen deckte die Tische. Silberne Leuchter, von der Hausfrau mit andächtigem Gebetsspruch „entzündet", standen auf dem Speisetisch, zwei Mohnzöpfe — Segensbrote — lagen unter weißer oder seidengestickter, mit hebräischen Gebetsprnchen und dem unvermeidlichen Davidstern geschmückter Decke vor dem Platze des Hausherrn. Er kam, oft in Begleitung eines armen, dort aufgelesenen Fremden, eines Gastes, aus dem Gotteshause. Und hier, im festlich umgestalteten sauberen Daheim, rief er in hebräischen Liedern den Friedensgruß zu „den Engeln des Friedens", die der Sabbath ins Haus gelockt. Hier sang er — gewiß die schönste Huldigung, würdiger als Minnespiel und galante Phrase, zum Preise der Gattin —das hohe Lied vom Frauenwert (Escheth Chajil):