Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1882)
- Date
- 1882-10-01
- Page
- Seite 236 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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236 und Anlagen des Geistes kam es, daß er, der gewählt worden war, um das Reich zu beherrschen, sich nicht als Fremder betrachtete, indem er sich die legitimen und gerechten Interessen desselben aneignete, so daß das fatale in Spanien beschlossene Attentat in ihm keinen zu warmen und zu eifrigen Anbeter finden konnte. Die Nachricht des Edikts traf wie ein Wetterstrahl nicht allein die israelitische Gemeinde Siciliens, sondern die ganze Insel. Fiir erstere war es ein schweres, unvorhergesehenes, unerwartetes und unverdientes Unglück; für ganz Sicilien begann jener gewaltthätige Akt der Regierungsgewalt vor allem eine Übertretung der väterlichen Grundgesetze hervorzurufen. Nichtsdestoweniger erkannte man hier dem Fiirsten, oder demjenigen, der in seinem Namen regierte, die Autorität zu, bei gewissen besonderen Vorfällen Verordnungen zu erlassen, aber auf dem Wege der Reglements und der Norm, in welchem Falle man das preventive Gutachten des heiligen königlichen Conciliums, d. h. erste kollegialisch vereinigte und nach Bedürfnis befragte Magistratsbeamte, begehrte. Aber es war neu und unerhört, daß man ein Gesetz von so großer Tragweite feststellte ohne nothwendiges Zusammenwirken der drei Abteilungen, aus denen das Parlament des Königs bestand. Es handelte sich übrigens um eine tiefe Erschütterung jeder moralischen und materiellen Rücksicht, um einen öffentlichen Schaden, der sich in seinen Dimensionen jedem Auge als ein ungeheuer großer kundgab. Die Totalsumme aller Israeliten Siciliens ist unbekannt geblieben, ebensowenig kennt man die Summe der anderen damaligen Bevölkerung. Letztere wurde von Di Giovanni auf fast eine Million geschätzt, und die Hebräer zählten, wenn man ihm Glauben schenken kann, nicht weniger als ein Zehntel davon. Diese Vermutung gründet sich auf das Maß der Schenkungen und der öffentlichen Lasten, welche sie sich zur Zeit Alfonso's aufzunehmen bereit erklärt hatten. Das Maß wuchs jedoch in der That bei der allgemeinen Verteilung zwischen den Contribuenten des Reiches, welches sich besser als durch Seelenzahl nach dem Maße des vermuteten Vermögens der Hebräer im Verhältnis zudem der Christen feststellen läßt. Ein bis heute noch unbekanntes Dokument, welches wir später citiren werden, giebt die Zahl der Mitglieder der jüdischen Gemeinde Palermos auf ungefähr 5000 an. Nach diesem würde, dem Criterium des Di Giovanni zufolge, die Bevölkerung der Hauptstadt Siciliens in jenem Zeiträume 50000 Seelen betragen haben. Abgesehen von der Genauigkeit dieser Rechnung bildeten die Israeliten gewiß einen beachtenswerten Bruchteil der Bewohner der Insel, einen in jeder Beziehung produktiven und nützlichen Teil derselben. Die anjouschen, wie die Bürgerkriege des 12. Jahrhunderts hatten die Reichsbewohner im allgemeinen von dem nützlichen Handwerke, von dein inneren und äußeren Handel entwöhnt. Während unsere niederen Bürger beschäftigt waren, fremde feinde zu besiegen, dann den Adligen nachzuahmen und sich gegenseitig in den aaren zu liegen, hörten die Israeliten nicht auf zu handeln, Handwerk zu treiben und dadurch so viel Vorteil und Gewinn als möglich an sich zu ziehen. Unter den castilischen Königen wurde die ökonomische Lage der Insel durch den überseeischen Weg, der den Welthandel eröffnete, durch die Seeräuberei der Berberstaaten, durch das Feudalwesen und seine Träger, erniedrigt. Die Hebräer unterhielten aber kraft ihres Talentes mit ihren, überall in Europa und im Morgenlande zerstreut lebenden Glaubensgenossen ununterbrochenen Verkehr; sie sammelten und vermehrten dadurch den Vorteil der geringen kommerziellen Thätigkeit, der noch zur Zeit geblieben war. In der damaligen beschränkten