Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1882)
- Date
- 1882-10-01
- Page
- Seite 234 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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234 die Erlaubnis gebeten hatten, eine neue Synagoge bauen zu dürfen, worin.die Thora ohne Singsang verlesen, die Gebete auch deutsch gesprochen, Orgel und deutsche Predigt eingeführt, nicht mehr talmudische Disputationen gehalten werden. Die Regierung war dem Gesuche geneigt. Aber „die pharisäisch gesinnten Juden", wie Prediger Marot in seinen: trefflichen Gutachten sie nannte, hinderten es durch allerlei Einwendungen, wie: die hebräische Sprache werde aussterben, die Orgel sei für Sabbath verbotene Arbeit, sei heidnischen Brauchs. Mit solchen Gründen setzten 250 Berliner Gemeindemitglieder gegen die Gemeindeältesten es 1823 beini Könige durch, daß der Gottesdienst „nur in der alten Synagoge und nnr nach dem hergebrachten Ritus ohne die geringste Neuerung in der Sprache und in der Ceremonie, ganz nach dem alten Herkommen gehalten werden soll." Und hat man Gründe solcher Art nicht noch in jüngster Zeit hören und lesen können? In Hamburg bestand seit 1818 ein Reformtempel, nach dessen Vorbilde zwei Jahre später (10. September 1820) in Leipzig ein Gottesdienst für die Messen eröffnet wurde mit deutscher Predigt und portugiesischer Aussprache des Hebräischen und mit Chorgesgang, zu dem Meyerbeer die Composition geliefert. Aber wie wurden die Templer in Hamburg von ihren orthodoxen Glaubensgenossen verketzert! Die drei Rabbinen — Dajanim — verboten mittelst Synagogenanschlags das deutsche Gebetbuch der Tempelgemeinde. Der Gemeinde- Vorstand ließ sich diesen Übergriff nicht gefallen und die Bannbulle abreißen. Aber noch 24 Jahre später, als unter Rießer's Führung die Tempelgemeinde ihr Gebetbuch neuredigirte, erneute der Chacham Bernays — in diesem Punkte kein Chacham — den alten Bannstrahl — mit gleicher Erfolglosigkeit — denn das Hamburger Gebetbuch hat sich heute in Hamburg und weit darüber hinaus eingelebt. So sah es vor 50 Jahren in den großen Gemeinden aus. Und in den kleineren? Beschränktheit, Aberglauben, kleinliche Gesichtspunkte waren die Eigentümlichkeiten der Mehrzahl. Zwei — auch drei Mal täglich ward das Gotteshaus besucht. Und welch ein Gotteshaus! Ein Gottesstübchen. Jni Hinterhof oder -in abgelegener Gasse mit verschieden geformten Sitzen und Ständern, unterhalten von einzelnen begüterten Personen oder Familien. Je nachden: spielte der Schulherr auch den Tyrannen, der von seinen Schulgehern — das Gotteshaus hieß die Schule, daher das nicht selten gerechtfertigte Wort: Lärm wie in der Judenschule — blinden Gehorsam erforderte. Solcher Schulen gab es in den meisten Gemeinden verschiedene und verschiedenartige, mit deutschen, polnischen, bayrischen Bräuchen. Der wiederholte tägliche Besuch dieser Schulen machte sie in Wahrheit zu einem beth haknesses, einer Art Börse, in der allerlei Unterhaltung gepflogen wurde und mehr Gewohnheit als Andacht, mehr Geselligkeit als Erbauung waltete. Von Predigt und Chor keine Spur. Der Vorbeter galt um so mehr, je mehr er es verstand, die neuesten Opernmelodien zun: Lechodaudi, dem Sabbathempfangslied zu verwenden. Die Kinder mußten im zartesten Alter schon und in den frühesten Morgenstunden am Gottesdienste teilnehmen. Der Rabbiner hielt von Zeit zu Zeit eine Deraschah, d. h. einen im jüdisch-deutschen Jargon bald scharfsinnig, bald populär gemüthlich gehaltenen Vortrag, der meist einem Kasten ähnelte, in dem unendlich viele, immer kleinere Kasten liegen. So kam er von einem dunklen Bibel- oder Talmudsatz auf einen zweiten, dritten, vierten u. s. f.,