Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1882)
- Date
- 1882-10-01
- Page
- Seite 232 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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232 drückungen und Zurücksetzungen, mit geringer Ausnahme weniger Überläufer, dem Judentume treu verblieben. Wären sie die Schacherer, als welche Antisemiten sie verschreien, wäre ihnen Alles für Geld feil — wie kommt es denn, daß weder Druck noch die Aussicht auf lohnendste Lebensstellung, auf Amt, Würden und Beförderung die Mehrzahl zum Übertritt veranlassen? Für die vergangenen Jahrhunderte scheint die Antwort nahe zu liegen: der Abstand war zu groß, die Scheidewand zu hoch. Die Juden lebten abgesperrt und abgeschlossen im Ghetto, fernab von den Christen, sie waren, und ob sie auch — wie die Juden in Frankfurt, Fürth, Worms, Speyer — viele Jahrhunderte, ja über ein Jahrtausend dort ihre Heimath hatten, dennoch Fremdlinge, geduldete Schützlinge. Anders gestaltet sich die Frage für das laufende Jahrhundert. Mit Moses Mendelssohn und Lessing — mit der deutschen Bibel und dem weisen Nathan — begann die Zeit, da man anfing, sie als Menschen anzuerkennen, sie menschlich zu behandeln. Ein halbes Jahrhundert darauf — zur Zeit der Julirevolution, die nicht blos Frankreich, die ja auch Deutschland politisch und literarisch tief erregte — sing die Zeit an, da man die Juden nicht nur als Menschen, auch als Bürger anzuerkennen begann. Vor fünfzig Jahren! — Die älteren unter uns, die sich jener Tage als Mitlebeude und Mitstrebende erinnern, werden gern und freudig bekennen, daß seitdem Vieles anders und besser geworden. Damals war die Saat der Bildung, die Mendelssohn und seine Jünger gesäet, nur in kleinen Kreisen aufgegangen. In größeren Städten, wie in Frankfurt, Hamburg, Berlin ragten Einzelne in Bildung und Bildungsförderung über ihre Glaubensgenossen hervor, aber die Masse war starr und stumpf. Das eindruckvollste Bild von den damaligen Gegensätzen bietet ein Mann — den wir glücklicherweise noch zu den Lebenden zählen dürfen, der einzige fast und der größte unbedingt unter den überlebenden Männern jener Zeit: Leopold Zunz. Fünfzig Jahre sind es gerade jetzt, daß dieser große Gelehrte und — was selten vereint — noch größere Charakter, das epochemachende Werk über „die gottesdienstlichen Vorträge der Juden" veröffentlichte und mit ihm den Grund legte für die moderne jüdische Wissenschaft iiberhaupt. Aber schon zehn Jahre zuvor hatte er, der sinnige Freund Heinrich Heine's, im Verein mit Männern wie Gans — deni einzigen Jünger, den Hegel anerkannt — und Moser, Wohlwill und Ludwig Markus einen Culturverein errichtet, der deutsche gottesdienstliche Vorträge und wissenschaftliche Läuterung des Judentunis sich zur Aufgabe stellte und dem auch Heinrich Heine angehörte und anhing, bevor er, äußerlichem Anlaß zu Liebe, jenen Schritt that, den er — wie fast jeder Band seiner Werke bekundet — fortdauernd bereute. Heine's „Hebräische Melodien," seine Verherrlichung der „Prinzessin Sabbath," sein Preislied auf den geist- und stammverwandten Dichter Jehuda ben Halevi, der acht Jahrhunderte früher in Spanien gelebt und der heute noch in der gelungenen Übersetzung Geigers tiefergreifend wirkt. Heine's Rabbi von Bacherach — obwohl Bruchstück, doch gleich einem altgriechischen Torso von hohem Werte — sie beweisen, was vor fünfzig Jahren die geistig hochstehenden Strebensgenossen eines Zunz beseelte und begeisterte. Und wenn Heinrich Heine klagte: