Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1882)
- Date
- 1882-10-01
- Page
- Seite 231 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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231 so tiefe Wunden geschlagen wurden, in denen der Sonnenblick der Rechtseinheit und der politischen Gleichberechtigung verdüstert wurde durch die mitternächtigen Spuckgestalten lüngstvergangener Jahrhunderte, in denen eine Sprachverwirrung und eine Sitteuverwilderung ausbrach, wie sie selbst der Kundigste für unsere Tage nicht vorausgeahnt hätte. Aber auch diese Sprachverwirrung und Sitteuverwilderung findet ihre biblischen Anklänge. Worin zeigte sich die Sprachverwirrung und Sittenverwilderung der letzten drei Jahre? In der Wiederholung des Pharaonischen Angstrufs und des persischen Ministerraths. Jener lautete: „Siehe die Kinder Israels sind zahlreich und mächtiger als wir, wir wollen sie überlisten, damit sie sich nicht vermehren." So hieß es in Egypten. „Da ist ein Volk, einzeln, zerstreut, eigenartig, unabhängig, freisinnig — so hetzte Hainau. — Und über diese Weisheit des altägyptischen Königs und des persischen Reichskanzlers, sind die niodernen Antisemiten nicht hinausgekommen. Der Grundton ihrer Anklagen und Wehrufe ist der alte von vor Jahrtausenden geblieben, mag nun ihr Haupt in dem Heiligenscheine der Froiumgläubigkeit erstrahlen, oderihr Arm die Brandfackel des Unglaubens schwingen — jener Heiligenschein wie diese Brandfackel sind im Grunde ein und dasselbe Irrlicht, ein Widerschein von alten Scheiterhaufen. Anders lassen sich derartige Vorgänge empfinden und auffassen, wenn man von ihnen in Geschichtsbüchern aus langverblicheuen Zeiten liest, oder wenn man als unbeteiligter Zuschauer im Weltteater sie dargestellt sieht — anders, wenn man sie persönlich miterlebt, wenn man in der eigenen Existenz und Behaglichkeit von ihnen erschüttert wird. Und das ward den deutschen Juden in den letzten drei Jahren reichlich zu teil. Die alte Osterlegende mahnt: jedes Geschlecht solle sich den Auszug aus Egypten, die Befreiung so lebhaft vergegenwärtigen, als ob es selbst darall teilgenommen. Nun dafür ist gesorgt, daß unseren Zeit- und Glaubensgenossen, gleichviel welcher Lebensstellung, die Erinnerung an alte Leidenszeiten unverloren ßleibe. Aber sollte dies düstere Bild, die Rückerinnerung an das Wüstenleben unserer Vorfahren in der Barbarei früherer Jahrhunderte, das einzige Ergebnis dieser jüngsten Erfahrungen sein? Sollte uns die Gegenwart nichts lehren, als Shyloks Verzweiflungsspruch: Dulden ist das Erbteil unseres Stammes? Jene alte Osterlegende konimt zu einem anderen, hoffnungsfreudigeren Ergebnis: Zu allen Zeiten hatten wir Gegner, Gott aber erhielt uns. Und warlich: Dieselbe Geschichte, die in blutigen Zügen Scheiterhaufen und Verfolgungen schildert, kündet in goldnen Lettern von dem Heldenmute, der Herzinnigkeit, dein Bildungseifer, dem Freiheitsdrang der Gehetzten und Bedrängten. Die antisemitischen Atavismen unserer Tage, diese physiologische Bestätigung der Lehren Darwins von der zeitweiligen Wiederkehr der Ahnen-Fehler bei späteren Geschlechtern, legen uns den Aufblick in die Zukunft, den Rückblick in die Vergangenheit nahe. Den Aufblick in die Zukunft — in der Frage: ist das Judentum diese Leiden uud Opfer wert? Werden die Juden fortbestehen? Und diese Zukunftsfrage findet ihre Beantwortung in der Vergangenheit. Jahrhunderte der schwersten Leiden haben die Juden wohl deziniirt, aber nicht vernichtet. Sie sind trotz der Scheiterhaufen uud trotz der zahllosesten Be-