Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1882-10-01 · Heft 10 (1.10.1882) · p. Seite 224

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 10 (1.10.1882)
Date
1882-10-01
Page
Seite 224 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2969669-2969684-2969695--0552-2970977
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

224 Geschichtswerkes nachdrücklichst betont wird, die „einen Gott als besonders «anweisbares Wesen" ausschließende „Borstellung des bloßen Seins und des darin gedachten Inbegriffs aller Möglichkeiten". Und wenn Dühring im Bewußtsein des doch gar allzugreifbaren Widerspruchs, über denselben mit einer sophistischen, aber für diesmal doch gar zu sehr mißlungenen Wendung hinwegzukommen sich bemiiht und von Spinozas „Substanz" nachträglich als von „einem monokratischen Etwas, welches zugleich und in allen Dingen ein Denkendes sein soll" spricht, so weiß der Leser aus den im vorigen Briefe wörtlich mitgeteilten Sätzen ans Dührings Geschichte der Philosophie, was es mit dem denkenden Verhalten der „Substanz" bei Spinoza für ein Bewandtnis hat. Es ist „jener Akt" des Naturwirkens und Naturverhaltens gemeint, „durch welchen die Thatsachen und die Existenzen nach Grund und Folge, nach Ursache und Wirkung, sowie überhaupt nach jeder causalen Kategorie zusammenhängen." (Gesch. S. 297.) Wo ist in dieser Vorstellung „jenes in allen Dingen denkende monokratische Etwas"? Ist das nicht vielmehr eine Vorstellung, aller rationellen Naturauffassung, sowie besonders der modernen Naturwissenschaft vollständig adäquat? In der 2. Aust, seines Geschichtswerkes bedient sich Dühring überhaupt nicht durchgehends zur Bezeichnung dieser Vorstellung Spinozas des deutschen Wortes „denken", sondern des von Spinoza selbst gebrauchten Terminus „cogitiren" und bemerkt auf S. 294: „Ich sage hier einmal absichtlich nicht denken, sondern cogitiren, um durch den uns befremdlichen Gebrauch des lateinischen Kunstausdrucks daran zu erinnern, daß es sich in der That nicht uni eine gemeine Analogie des bestimmten menschlichen Denkens handelt." — In dem Buche über die Juden soll es sich aber doch bei Spinoza nicht nur um eine „gemeine" d. h. gewöhnliche, sondern sogar äußerst absurde Analogie mit dem menschlichen Denken gehandelt haben! Dies die dem modernen „Gesinnungsphilosophen" möglich gewesene Praktik, Spinoza nachträglich für den Gebrauch antisemitischer Gelehrsamkeit philosophisch zu verkleinern und ihn als einen Typus jüdischer Unfähigkeit zur eigentlichen Philosophie und Wissenschaft hinzustellen! Nach derselben Methode und in gleicher Tendenz lieferte Dühring das Seiteustück, nämlich die moralische Verkleinerung oder, wie in dieser Richtung volkstümlicher und zugleich bezeichnender zu sagen ist, die moralische Verläumdung und Beschimpfung Spinozas. Derselbe Spinoza, von klassischen Spezial-Geschichtswerken in seinem 87. Lebensjahre noch dieseltene Geistesenergieund Jugendfrische hat, eine Universalgeschichte zu schreiben, in diesem hohen Alter aber gewiß keinem zum Gefallen schreibt, von der im alten Testament beurkundeten Gottesidce ebenso wahr und congenial aufzufassen wie darzustellen wußte, ist nicht etwas, dessen ein Denker sich zu schämen hätte (Vgl. L. ö. Rankes Weltgesch. I 1, 1881 S. 4, 30, 38, 39.) In unserem Jahrhundert war es der vor einigen Jahren verstorbene Entdecker des mechanischen Äquivalents der Wärme, der Begründer des Gesetzes von der Erhaltung oder Unzerstörlichkeit der Kraft, der von Dühring als „Galilei des XIX Jahrhunderts" glorificirte I. R. Mayer, welcher sein Leben lang und überall, aus Naturforscher-Versammlungen k sich ganz unumwunden zu dem Gott der Bibel bekannte. Charakteristisch ist es übrigens, in welchem Sinne Dühring gegenüber der jüdischen Gotteseinheit jenes si duo facinut idem mm est idem geltend macht. Wenn der Jude alles Göttliche, d. h alle Schöpferkraft, alles Ewige im Gegensatz zu dem wechselnden und vergänglichen Spiel der Naturkräftc zu einer Einheit zusammenfaßt, so geht nach Dühring ..diese abstrakte Gottcseinheit aus dem Keime der Monopolsucht und jenes Trachtens hervor, welches auf die Knechtung von Allem hinausläuft" lJudenfr. S. 31). Wenn aber der Dualist Dührings Einheitsleyre nicht anerkennen will, so „kennt er die Kraft des einheitlichen Denkens nicht re <Werth des Lebens 1. Aufl. S. 3. und an vielen andern Stellen seiner philosophischen Schriften.) Doch wir werden später noch manchen andern Satz Dührings aus diesem Gesichtspunkte zu betrachten haben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.