Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1882)
- Date
- 1882-10-01
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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221 Dr Karl Ignaz Corv6 (Pseudonyms, Berlin 1840) und den Petersburger Professor D. A. Chwolson (in einer russischen Schrift: „Ueber einige mittelalterliche Beschuldigungen gegen die Juden," St.-Pb. 1861, 216 S gr. 8°). Auch nicht wenige geborene Christen haben die in Rede stehende Behauptung fiir unwahr erklärt. Um diesen Aufsatz nicht zu sehr auszudehnen, nenne ich nur zwei: Luther und Joh Christoph Wagenseil. Unser Reformator schreibt (in: „Daß Jesus Christus ein geborner Jude"; Werke, «6. Walch XX, p. 2265): „Aber nun wir sie nur mit Gewalt treiben und gehen mit Liigentheidungen um, geben ihnen Schuld, sie müssen Christenblnt haben, daß sie nicht stinken, und weiß nicht, was des Narrenwerks mehr ist, daß nian sie gleich für Hunde hält; was sollten wir guts an ihnen schaffen?" Und Wagenseil, der gründliche Kenner jüdischer Schriften und Sitten, welcher mehrere von Juden gegen das Christentum verfaßte Werke unter dem Titel Del», ignea satanae (Ältdorf 1681) veröffentlichf hat, also nicht der Parteilichkeit zu Gunsten der Juden geziehen werden kann, hat der Wiederlegung der jetzt wieder sich erhebenden Anklage ein besonderes Werk gewidmet, dessen Titel lautet: „Der denen Juden fälschlich beigemessene Gebrauch des Christen-Bluts, das ist unwiedersprechliche Widerlegung der entsetzlichen Unwahrheit, daß die Juden zu ihrer Bedürfniß Christen-Blut haben müssen, welche so viel tausend dieser unschuldigen Leute um Hab, Gut, Leib und Leben gebracht (in: „Hoffnung der Erlösung Israelis," sältio altera, Nürnberg und Altorf 1704,4«, Anhang p. 45— 130). Aber woher denn, so höre ich den geneigten Leser fragen, die Beschuldigung? Muß nicht, wo Rauch ist, auch ein Feuer sein? Der wahre Grund für diese wie für gar manche andere gegen die Juden gerichtete Beschuldigung liegt in der tiefen Kluft, welche die aus verschiedenen hier nicht zu erörternden Ursachen hervorgegangene Abneigung zwischen Christen und Juden hatte entstehen lassen. Mit diesem allgemeinen Satze müßten wir uns begnügen, wenn wir hier z. B. das im Mittelalter viel geglaubte Märchen von der Brunnen- und Quellenvergiftung zu wiederlegen hätten. Das Aufkommen des auf Christentötung zu rituellen Zwecken bezüglichen Aberglaubens läßt sich aber in noch anderr Weise, wenn nicht entschuldigen, so doch begreiflich machen. Die große Masse der Christen des Mittelalters wußte vom jüdischen Glauben und von jüdischen Gebräuchen so gut wie nichts. Geheimnis und Zauberei waren damals schier unzertrennliche Begriffe. Blut nun „ist ein ganz besonderer Saft", über dessen Verwendung zu Heilungen u. s. w. während des Altertums und des Mittelalters, ja auch der Gegenwart (Orient!) sich ein ganzes Buch schreiben ließe. Nach alter jüdischer Legende (Midrasch Rabba zu Exod. 2,23. Thargum Pseudo-Jonathan das. ) badete sich der schwer erkrankte Pharao von Aegypten, um gesund zu werden, auf den Rat seiner Weisen täglich in dem Blute israelitischer Kinder. Dieser Kleinen und auch der anderen gemordeten Juden gedachte man bei der Osterfeier und wählte deshalb zu den „vier Bechern" (Arba koßoth), welche am Anfangsabend zu trinken geboten war, gern roten Wein, Daß Unwissende daraus in der That Blutgenuß geiliacht haben, bezeugt der polnische Rabbiner David ha-levi ben Samuel (geb. etwa 1600) in seinem hochgeschätzten Kommentare T»re sahab zum Schulchan arukh, Orach Chajjim, Kap. 472, ß 8, und fordert, daß man diesen Gebrauch wegen der Lügen, die an ihn geknüpft worden seien, aufgebe. Auch das Nichtkennen des zur Heilung der Beschneidungs-