Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1882)
- Date
- 1882-09-01
- Page
- Seite 210 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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210 von deren Zinnen das Banner von Castilien und das des Johannitterordens im Winde wehte. Nun im Jauchzen des vollständigen Sieges, der vollständigen Befreiung des spanischen Reiches stieg der religiöse und patriotische Rausch zum Gipfel auf. Der Clerus sang Loblieder, welche mehr als von Dank gegen den Ewigen für den erlangten Sieg, von Haß und Rache gegen die Mauren, Juden, gegen jedes nicht nationale und katholische Geschlecht Spaniens erklangen. Ferdinand wurde durch den Jubel des Volkes nur wenig erhitzt, er dachte vielmehr denselben durch eine wirksame That zu benutzen. Während einerseits die Mauren nach dem letzten der Abencerages in Haufen verschwanden, handelte es sich andererseits in den Gedanken des Königs und seiner intimsten Staatsdiener um die Proskription und die direkte Plünderung des ganzen israelitischen Stammes. Da die Juden davon gehört hatten, suchten sie das Unheil zu verhüten, indem sie den Monarchen von der einzigen Seite, von welcher ein Erfolg möglich war, nahmen und ihm freiwillig eine Gabe von dreißigtausend Dukaten anboten. In demselben Saale, wo der König und die Königin dem Boten, welcher den Vorschlag machte, Audienz erteilten, und ein wenig mit dem Kommen zu zögern schienen, öffnete sich plötzlich die Thür und Torquemada erschien unvermutet' und schritt vor. Er verbarg ein Crucifix unter seinem Mantel, schwang es und rief aus: „Judas Jscharioth verkaufte seinen Herrn für dreißig Silberlinge, wollt ihr ihn für dreißigtausend verkaufen? Waget es, plündert ihn und verhandelt ihn noch einmal!" Indem er dieses sagte, warf er das Kreuz auf den Tisch, der inmitten des Saales stand, und ging davon. Jsabella blieb erschreckt und bestürzt stehen; Ferdinand war gleichermaßen bestürzt, oder that wenigstens so. Am 30.^ März Unterzeichnete man in Granada das verhängnißvolle Edikt, welches die Hebräer aus allen Ländern verjagte. Z Die Anklagen, welche auf die Israeliten gehäuft wurden, stützten sich wesentlich auf zwei Punkte; die Aufreizung vieler Christen, sie zu ihrem Gottesdienste hinüberzuziehen, und der außerordentliche Wucher, welcher das Vermögen der Christen verzehrte. Es würde in den: Wollen des Königs gelegen haben, (so erklärte man) die härtesten, der Größe des Verbrechens entsprechenden, Strafen über die Schuldigen zu verhängen; das heißt die totale Konfiskation und einen gewaltsamen Tod gemäß der im Jahre 435 veröffentlichten Verfassung der Kaiser Valentinian und Theodosius. Doch da der König wünschte, daß die Strenge von dem Wohlwollen und der Milde begleitet sei, so wollte er sich damit begnügen, sie einfach aus allen seiner Krone gehörigen Ortschaften zu vertreiben. Er glaubte, reiflich erwogen, den Obliegenheiten eines Christen und Fürsten genügt, zu haben, indem er indirekt die früheren Verbrechen erlassen und doch für die Übel und Jnkonvenienzen der Gegenwart Abhilfe geschafft hatte. Daher bewilligte er ihneu einen Termin von drei Monaten, nach deren Ablauf jeder Hebräer, der sich, sei es auch nur vorübergehend, noch auf den königlichen Gütern befinden würde, der Todesstrafe und des Verlustes seiner Güter verfallen sei. Dieselbe Strafe drohte allen Christen, welche in irgend einer Weise gegen die gegenwärtigen Gesetze den Proskribirten Hilfe oder Obdach bieten würden. ') Prescott möchte in seiner sehr schönen Geschichte der Regierung Ferdinands und Jsabellas das Odium mildern, indeni er nicht »ur in der Königin, sondern auch in dem König die Impulse des bloßen Gewissens vor den politischen und fiskalischen Gründen vorherrschen läßt. Dem berühmte» amerikanischen Geschichtsschreiber scheint jedoch das passirt zu sein, was oft den trifft, der von seinem eigenen Gegenstände zu sehr eingenommen ist.