Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1882)
- Date
- 1882-09-01
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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204 wie überhaupt seine staunenswerten kabbalistischen Kenntnisse verfehlten nicht die Aufmerksamkeit der Gelehrten Smyrnas auf ihn zu lenken, die ihm, als er kaum achtzehn Jahre alt war, den Titel „Chacham“ erteilten. Nun trat er bald als selbständiger Lehrer der Kabbala auf. Scharenweise strömten wißbegierige Jünger herbei und lauschten mit gespanntester Aufmerksamkeit auf seine Vorträge, wie auf die von ihm in spanischer Sprache gesungenen kabbalistischen Verse, denn er besaß ein überaus angenehmes wohlklingendes Organ, wodurch er sowohl durch's Sprechen als durch den Gesang die Herzen gewinnen konnte. Wie durch das Fasten und Kasteien des Körpers wußte er auch durch seine entschiedene Abneigung gegen das weibliche Geschlecht im Kreise seiner Vertrauten und Verehrer Sensation zu erregen. Er wurde zwar nach damaligen! Brauche sehr jung mit der Tochter eines geachteten Hauses verheiratet, allein da er dieselbe, obschon sie mit körperlicher Schönheit und sonstigen Tugenden reich ausgestattet war, hartnäckig mied, ersuchte sie von ihm geschieden zu werden, welchem Wunsche bereitwilligst zu entsprechen er keinen Augenblick Anstand nahm. Und als er später sich mit einer andern Frau vermählte, erging es derselben nicht besser als der ersten. Und als er von seinen Verehrern nach der Ursache dieser höchst sonderbaren Verfahrungsweise befragt wurde, entgegnete er: „Der heilige Geist (Ruach Hakodesch) hätte ihm verkündigt, daß keine von beiden die eigentlich vom Himniel für ihn bestimmte Gattin gewesen sei." Durch diese und ähnliche Äußerungen wie überhaupt durch seine imposante Gestalt und contemplative Lebensweise gelang es ihm seinen Anhängern zu imponiren und sich den Ruf eines höhern überirdischen Wesens zu erwerben. Je mehr er sich in die kopfverwirrende Kabbala vertiefte desto mehr wurde seine aufgeregte Phantasie erhitzt und sein ihm innewohnender Ehrgeiz aufgestachelt, daß er am Ende sich nicht entblödete seinen Schülern zu eröffnen, „daß er der lang ersehnte von Gott verheißene Messias sei, der Israel vom Drucke befreien und in das gelobte Land zurückführen werde." Er nannte sich einen „Sohn Davids" und war vermessen genug den vierbuchstäbigen Gottesnamen im Hebräischen (Tetragrammaton) auszusprechen, obschon dies talmudisch und durch Jahrtausende langen Usus strenge verboten war. Blos der hohe Priester durfte am Versöhnungstage im heiligen Tempel zu Jerusalem den Gottesnamen so wie er geschrieben steht, aussprechen. Das Rabbinatskollegium zu Smyrna sah sich daher veranlaßt Sabbatai ob dieser unerhörten, die wichtigsten religiösen Satzungen verletzenden Verfahrungsweise mit dem Banne zu belegen und als frechen Gottesleugner zu bezeichnen. Sabbatai merkte nun bald, daß er in Smyrna seine Rolle ansgespielt hatte, und verfügte sich daher nach Thessalonich, wo er einen geeigneteren Schauplatz für seine Tätigkeit finden zu können glaubte Allein auch aus dieser Stadt wurde er bald von den Rabbinen seines unwürdigen Treibens halber verbannt. Er ging daher von hier nach Egypten und von da nach Jerusalem. In Gaza gesellte sich zu ihm Nathan Benjamin, ein Mann der seiner kabbalistischen Kenntnisse wegen in Ansehung stand, dem er die Rolle des Propheten Elias, des Vorläufers des Messias zu spielen übertrug. Ju Jerusalem ließ Sabbatai Anfangs nicht im geringsten merken, daß er sich für den eigentlichen Messias halte, sondern widmete seine ganze Zeit ausschließlich kabbalistischen Studien, wodurch er in Palästina an Ansehen und Achtung gewann. Nachdem er bereits einige Jahre in Jerusalem domizilirte und einen Kreis von Verehrern gewonnen hatte, kündigte er sich denselben als Messias an. Nathan aus Gaza geriete sich plötzlich als Prophet und war aus allen Kräften bestrebt und bemüht für Sabbatai, den er nie ge-