Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1882)
- Date
- 1882-09-01
- Page
- Seite 201 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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201 deinem Vater. Mein Vater ist unschuldig, behauptete ich mit Festigkeit. Nun wohl, entgegnete derselbe kalt, so bringe man ihn zur Folter des Feuers. Die Henker banden mir Hände und Füße so fest, daß sie unmöglich ihre Lage verändern konnten; hierauf rieben sie mir die Füße mit Öl ein, setzten mich an ein hellbrennendes Feuer bis das geröstete Fleisch aufsprang und man die Nerven und Knochen von allen Seiten erblickte. — Der unbeschreiblich fürchterliche Schmerz raubte mir in diesem Augenblicke die Sinne, ich siel ohnmächtig vom Stuhle und wußte nicht mehr, was mit mir ferner vorging. Später erfuhr ich, daß der verkleidete, gegenwärtige Arzt erklärt habe, ich könnte ohne zu verscheiden, nichts mehr ertragen. Nun trug man mich in meinen Kerker zurück und es bedurfte einer mehr als halbjährigen Frist, mich von den fürchterlichen Torturwunden, mit welchen man in dieser schrecklichen Nacht meinen Körper zerfetzte und zerfleischte, zu heilen; dennoch blieb mein Geist ruhig, denn ich hatte mir nichts vorzuwersen, weil ich meinen armen Vater nicht anklagte. Nachdem ich endlich wieder so ziemlich hergestellt war, wurde mir angesagt, daß ich bei dem nächsten Autodafe erscheinen müßte. Dieses spöttische Wort, welches so viel als „Glaubensakt" bedeutet, ist der Name, welchen man der Vollziehung der Jnquisitionsbeschlüsse gab. Einige Tage nach dieser Bekanntmachung wurde ich auch in der That mit einem Sanbenito, eine Art Hemd ohne Ärmel, mit einem großen gelben Kreuze auf Brust und Rücken, bekleidet und mir eine Mütze von Pappendeckel, ans welcher Teufel und Flammen gemalt waren, aufs Haupt gesetzt und gezwungen einer feierlichen Prozession zu folgen. Der Zug ging von einer Kirche aus, wo das Totenamt abgehalten wurde und begab sich von dort auf einen großen öffentlichen Platz, wo auf der einen Seite für die Eingeladenen eine Schaubühne und aus der andern für die Verurteilten ein Amphitheater errichtet war. Ich bildete mir nichts anders ein, als dem Tode entgegengeführt zu werden und dieser Gedanke beglückte mich dergestallt, daß ich mit einer gewissen Fröhlichkeit dem Ziele meiner Leiden entgegensah. Aber nach einer Ermahnungsrede, welche ein Mönch an uns hielt, las man unser Urteil vor und ich vernahm mit Schrecken, daß ich verurteilt wurde, meine Tage in einem Kloster zuzubringen, wo ich das Gelübde der Entsagung und der Armut oblegen sollte, und daß alle Güter meiner Familie zu Nutzen der Inquisition konfisziert wurden. Indem ich seufzend meinen thränenden Blick gen Himmel warf, bemerkte ich einen Greis, der sich mit wankenden Schritten mir näherte; sein Sanbenito war schwefelgelb, in seinen zitternden Händen flackerte eine gelbe Wachskerze; seine weißen Haare bedeckten nur spärlich eine von Kummer und Leiden gefurchte Stirn; es schien mir als ob diese abgemagerten Züge mir bekannt wären, und urteilet selbst, wie mir zu Mute ward, als ich auch sein Urteil mit lauter Stimme ablesen hörte, welches ihn zum Tode verdammte, und als man den Namen meines Vaters Cäsar Orobi aussprach.die heiligen Mörder hatten in weniger als zwei Jahren aus dem kräftigen Manne einen hinfälligen Greis gemacht. Meiner Sinne nicht mehr mächtig, wollte ich meinem armen Vater um den Hals fallen; aber die Barbaren gönnten uns selbst diese letzte Freude nicht und auf ihren Wink wurde mein Vater auf einen Scheiterhaufen gelegt und verbrannt. Sterbend rief er noch mit einer allen vernehmlichen Stimme mir zu: Ich habe den Tod verdient, weil ich gegen die Mahnungen meines Gewissens den Glauben meiner Väter verleugnete. Ich bin Jude und sterbe im jüdischen Glauben u. s. w. (Sinai Nr. 25. S. 204.)