Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1882)
- Date
- 1882-09-01
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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199 Zerstörung des zweiten Tempels schreiben. Zeigt doch die Wahl Hillel's, des armen Gelehrten, zum Präsidenten des Synhedrions an die Stelle der erbgesessenen Bathyrener, daß nur deren Trägheit, den Belehrungen von Schemaja und Abtalion Aufmerksamkeit zu schenken, die Erhebung „des unbedeutenden Babyloniers" zum Synhedrialvorsitzenden veranlaßt hatte (Pes. 66a). Hillel, Akiba, Josua und so viele andere Lehrer Israels bis auf Moses Mendelssohn und die neueste Zeit beweisen die Wahrheit des jüdischen Grundsatzes: „Habet Acht auf die Kinder der Armen, sie werden die Träger der Thora, der Tüchtigkeit und des Wissens" (Nedar. 81a). Denn die Aufopferung, die Selbstverlängnung und die Hingebung, die jede große Sache verlangt, wird nur dem Charakter möglich sein, der von frühester Jugend dazu erzogen und gestält wurde durch den Kampf mit den Widerwärtigkeiten des alltäglichen Lebens und durch den Sieg über die gemeine Not des Daseins. Darum muß man zur Tüchtigkeit geboren und erzogen werden, doch nicht Geburt und Erbteil allein giebt einen Freibrief dafür. Das Volk aber, das seine fähigen Männer erkennt, erwählt und sein Geschick ihnen überantwortet, kann seiner Zukunft sicher sein, und aus diesen Gründen wird wol Judentum und jüdisches Volk seine Lebensfähigkeit nicht zum mindesten dem Umstande verdanken, daß es nur dem Tüchtigsten die Herrschaft zugesteht und nur das Beste, nichts anderes bei ihm den Ausschlag giebt. Darum bilden den Adel des jüdischen Volkes die Edlen des Volkes, und die Männer seiner Geschichte sind seine Aristokraten. Geschichtsbilder aus der nachtalmudifchen Zeit bis auf die Gegenwart (1500—1880). Nach den Quellen bearbeitet von vr. M. H. Friedländer. Rattajar 0i*6to de Castro. Nach dem ersten Verhöre, in welchem man sich alle Mühe gab, und kein Mittel scheute, mich zu solchen Aussagen zu bewegen, aus welchen man eine Anklage gegen meinen Vater schmieden könnte, ließ man mich in einem finstern, feuchten und ungesunden Kerker verschmachten, in welchem ich ohne Bücher, ohne ein menschliches Wesen in meiner Nähe zu erblicken, der fürchterlichen Einsamkeit preisgegeben war. Ich würde es meinen schändlichen Quälern gern verziehen haben, daß sie mich knebelten, wenn ich schrie, mich schlugen, wenn ich laut weinte, mich ohne Geräte, ohne Bedeckung auf der Erde schlafen ließen, verschimmeltes Brot mir zur Nahrung reichten, in verpesteter Luft meine Gesundheit vernichteten; — aber daß sie mir nicht ein einzigesmal gestatteten, den geliebten Vater zu sehen und zu sprechen, daß sie mir nicht antworteten, wenn ich ängstlich nach seiner Gesundheit, seinem Leben mich befragte, daß sie grausam lachten, wenn ich die Zeit meiner Verurteilung wissen wollte, — das kann ich ihnen nimmermehr vergeben. Endlich kamen eines Nachts zwei Gefangenwärter von finsterm und unheimlichen Ansehen, mich zu holen, und führten mich durch ein Labyrinth von Gängen. Ich hatte das Gehen verlernt und taumelte in meinen Fesseln wie ein Berauschter: überdies blendete mich der ungewohnte Schein des Lichtes dermaßen, daß ich selbst den blassen Glanz der Fackeln, welche meine